Als bevorzugte Quelle bei Google hinzufügen

Wenn alles durch Ursachen bestimmt ist, können wir dann überhaupt für unsere Entscheidungen verantwortlich sein?

Diese Frage wirkt modern. Tatsächlich beschäftigte sie bereits die antiken Stoiker.

Für Chrysipp und andere Vertreter der frühen Stoa stand fest, dass der Kosmos einer umfassenden kausalen Ordnung folgt. Ereignisse geschehen nicht grundlos. Auch menschliche Entscheidungen stehen nicht außerhalb dieser Ordnung.

Doch daraus folgte für die Stoiker keineswegs, dass Handeln bedeutungslos wäre.

Im Gegenteil: Unsere Überlegungen, Entscheidungen und Handlungen sind selbst Bestandteile jener Ursachenketten, aus denen die Zukunft entsteht.

Genau hier liegt einer der anspruchsvollsten Gedanken der klassischen Stoa.

Schicksal entscheidet nicht an deiner Stelle. Deine Entscheidung ist selbst ein Teil dessen, was geschieht.

CRIXUS AUREXNO

Die Stoa glaubte an eine kausal geordnete Welt

Die frühen Stoiker vertraten eine weitreichende Theorie des Schicksals, griechisch heimarmenē.

Damit meinten sie nicht einfach eine geheimnisvolle Macht, die einzelnen Menschen bestimmte Ereignisse zuteilt.

Schicksal bezeichnet die kausale Ordnung des gesamten Kosmos.

Chrysipp entwickelte diese Vorstellung besonders systematisch. Moderne Forschung spricht deshalb häufig von stoischem Determinismus.

Dabei ist Vorsicht notwendig.

Stoisches Schicksal entspricht nicht exakt jeder modernen Theorie des Determinismus. Neuere Forschung betont, dass die stoische Theorie als umfassendes Geflecht gegenseitiger kausaler Einwirkungen verstanden werden muss und nicht lediglich als lineare Kette vorprogrammierter Ereignisse.

Grundsätzlich gilt jedoch:

Nichts geschieht vollständig ohne Ursache.

Auch der Mensch bildet keine Ausnahme.

Bedeutet Determinismus automatisch Fatalismus?

Nein.

Und genau diese Unterscheidung ist entscheidend.

Determinismus bedeutet vereinfacht, dass Ereignisse aus Ursachen hervorgehen und dass auch menschliches Handeln Teil dieser kausalen Ordnung ist.

Fatalismus würde dagegen bedeuten, dass ein Ergebnis unabhängig davon eintritt, was ein Mensch tut.

Das sind zwei verschiedene Behauptungen.

Die Stoiker akzeptierten die erste und bekämpften die zweite ausdrücklich. Cambridge beschreibt diesen Unterschied als zentral für das Verständnis stoischer Handlungstheorie.

Wenn ein bestimmtes Ergebnis eintritt, kann deine Handlung eine der Ursachen dieses Ergebnisses sein.

Dass auch deine Handlung Ursachen besitzt, macht sie deshalb nicht bedeutungslos.

Das berühmte faule Argument

Die Gegner des Stoizismus formulierten daraus ein starkes Problem.

Es wurde später als das faule Argument oder argos logos bezeichnet.

Vereinfacht lautet es:

Wenn es vorherbestimmt ist, dass du von einer Krankheit gesund wirst, wirst du gesund, unabhängig davon, ob du einen Arzt rufst.

Wenn vorherbestimmt ist, dass du nicht gesund wirst, hilft auch der Arzt nicht.

Also kannst du genauso gut nichts tun.

Die Konsequenz scheint vernichtend:

Wenn alles durch das Schicksal bestimmt ist, wäre jede Anstrengung überflüssig.

Chrysipp wies genau diesen Schluss zurück.

Nach seiner Antwort können Ereignisse mitbestimmt oder miteinander verknüpft sein.

Es kann beispielsweise bestimmt sein, dass du gesund wirst und einen Arzt konsultierst.

Der Arztbesuch ist dann nicht irrelevant.

Er gehört zu den Ursachen deiner Genesung.

Damit dreht Chrysipp das Argument um:

Dass etwas Ursachen hat, macht Handlungen nicht überflüssig. Es erklärt gerade, warum Handlungen Folgen besitzen.

Deine Entscheidung gehört zum Schicksal

Das ist vermutlich der wichtigste Punkt des gesamten Problems.

Der Stoiker sagt nicht:

„Alles ist bestimmt, deshalb spielt meine Entscheidung keine Rolle.“

Er sagt:

„Auch meine Entscheidung gehört zu dem kausalen Zusammenhang, durch den etwas geschieht.“

Wenn du trainierst, verändert das deinen Körper.

Wenn du lernst, verändert das dein Wissen.

Wenn du dich vorbereitest, verändert das deine Ausgangslage.

Wenn du eine falsche Entscheidung triffst, können daraus andere Folgen entstehen als aus einer vernünftigen Entscheidung.

Dass diese Handlungen selbst Ursachen haben, beseitigt ihre Wirkung nicht.

Das Schicksal wirkt nicht an deinem Handeln vorbei.

Es wirkt auch durch dein Handeln.

Chrysipps rollender Zylinder

Chrysipp entwickelte eine berühmte Analogie, um das Verhältnis zwischen äußerer Ursache und eigener Handlung zu erklären.

Cicero und Aulus Gellius überliefern das Beispiel eines Zylinders.

Jemand stößt einen Zylinder an.

Der Stoß setzt seine Bewegung in Gang.

Aber nachdem der Zylinder angestoßen wurde, rollt er aufgrund seiner eigenen Form weiter.

Ein Würfel würde unter denselben Bedingungen anders reagieren.

Der äußere Stoß erklärt also nicht allein die gesamte Bewegung.

Die innere Beschaffenheit des Gegenstandes spielt ebenfalls eine Rolle. Cicero überliefert diese Analogie ausdrücklich im Zusammenhang mit Chrysipps Versuch, Schicksal und menschliche Verantwortlichkeit miteinander zu vereinbaren.

Beim Menschen entspricht dem äußeren Stoß beispielsweise eine Wahrnehmung oder Situation.

Wie der Mensch darauf reagiert, hängt dagegen auch von seinem eigenen Charakter, seinen Überzeugungen und seinem Urteil ab.

Der entscheidende Punkt ist die Zustimmung

Damit kommen wir zu einem der wichtigsten Begriffe der stoischen Psychologie:

Zustimmung, griechisch synkatathesis.

Ein äußerer Eindruck trifft auf uns.

Wir sehen etwas.

Hören etwas.

Erleben eine Beleidigung, einen Verlust oder eine Gelegenheit.

Dass dieser erste Eindruck entsteht, liegt häufig nicht vollständig in unserer Kontrolle.

Doch daraus folgt noch nicht automatisch eine Handlung.

Der vernunftfähige Mensch bewertet den Eindruck.

Er kann ihm zustimmen oder seine Zustimmung zurückhalten.

Gerade diese Fähigkeit machte es für die Stoiker möglich, den Menschen weiterhin als handelndes Wesen zu betrachten. Die moderne Forschung hebt die Zustimmung als einen Kernmechanismus hervor, durch den Handlungen dem handelnden Menschen selbst zugerechnet werden können.

Ebene Stoische Perspektive
Äußeres Ereignis erzeugt einen Eindruck oder Anlass
Vorstellung erscheint dem Menschen zunächst
Zustimmung der Mensch beurteilt die Vorstellung
Impuls aus dem Urteil entsteht Handlungsbereitschaft
Handlung der Mensch handelt entsprechend seinem Urteil

Das bedeutet nicht, dass die Zustimmung vollkommen ursachenlos wäre.

Auch sie gehört zur kausalen Ordnung.

Aber sie entsteht durch den Menschen als vernünftiges Wesen.

Und genau deshalb bleibt Verantwortung möglich.

Freiheit bedeutete nicht Ursachenlosigkeit

Hier entsteht leicht ein modernes Missverständnis.

Wenn wir heute von „freiem Willen“ sprechen, meinen wir häufig die Vorstellung, dass ein Mensch unter exakt denselben Bedingungen auch anders hätte entscheiden können.

So formulierten die frühen Stoiker das Problem nicht.

Die Forschung von Susanne Bobzien zeigt, dass Chrysipps Diskussion der moralischen Verantwortung nicht auf einer modernen Theorie der Fähigkeit zum Andershandeln beruhte. Entscheidend war vielmehr, ob die Handlung durch den Akteur selbst und seine rationalen Fähigkeiten zustande kam oder durch äußeren Zwang.

Deshalb ist es sinnvoll, den Stoizismus als eine frühe Form des Kompatibilismus zu beschreiben.

Determinismus und Verantwortung schließen einander nicht aus.

Aber „Kompatibilismus“ ist unsere moderne philosophische Einordnung.

Chrysipp selbst verwendete diesen Begriff natürlich nicht.

Warum Charakter eine Rolle spielt

Das Zylinderbeispiel hat noch eine zweite Bedeutung.

Menschen reagieren unterschiedlich auf dieselbe Situation.

Ein beleidigender Satz kann bei einem Menschen sofort Wut hervorrufen.

Ein anderer prüft zunächst, ob die Aussage überhaupt wahr ist.

Ein dritter ignoriert sie.

Die äußere Ursache ist ähnlich.

Die Reaktion unterscheidet sich.

Warum?

Weil Menschen unterschiedliche Charaktere, Überzeugungen und Gewohnheiten besitzen.

Aulus Gellius überliefert Chrysipps Gedanken, dass die Beschaffenheit des eigenen Geistes mitentscheidet, wie äußere Ursachen weiterwirken.

Damit wird Charakterbildung philosophisch enorm wichtig.

Jede Entscheidung formt zukünftige Entscheidungen mit.

Wer ständig impulsiv urteilt, stabilisiert impulsive Gewohnheiten.

Wer lernt, Eindrücke zu prüfen, entwickelt eine andere innere Beschaffenheit.

Schicksal bedeutet deshalb nicht:

„Ich bin eben so.“

Gerade weil dein Charakter ursächlich wirksam ist, besitzt seine Entwicklung Bedeutung.

Aber ist der Charakter nicht ebenfalls verursacht?

Natürlich.

Und genau hier wird die stoische Position anspruchsvoll.

Unsere Persönlichkeit entsteht nicht aus dem Nichts.

Erziehung, Erfahrungen, körperliche Voraussetzungen, Umwelt und frühere Entscheidungen beeinflussen uns.

Die Stoiker mussten also erklären, warum Menschen verantwortlich bleiben können, wenn selbst ihr Charakter eine Vorgeschichte besitzt.

Ihre Antwort besteht nicht darin, eine Lücke in der Kausalität zu suchen.

Verantwortung entsteht vielmehr dadurch, dass Handlungen aus der eigenen psychischen und rationalen Struktur des Menschen hervorgehen.

Eine Handlung ist meine Handlung, weil meine Überzeugungen, Bewertungen, Impulse und Zustimmung an ihrer Entstehung beteiligt sind.

Nicht weil sie ohne jede Ursache entstanden wäre.

Genau deshalb unterscheidet Chrysipp äußeren Zwang von innerem Handeln.

Schicksal ist nicht dasselbe wie Notwendigkeit

Ein weiterer wichtiger Unterschied wird häufig übersehen.

Die Stoiker wollten aus der Tatsache, dass etwas durch Ursachen bestimmt ist, nicht ableiten, dass alles in jedem philosophischen Sinn notwendig sei.

Chrysipp entwickelte eine komplexe Modallogik, in der auch Möglichkeiten und nicht notwendige Ereignisse Platz hatten.

Das klingt zunächst widersprüchlich:

Wie kann etwas bestimmt sein und trotzdem nicht notwendig?

Die Schwierigkeit entsteht teilweise dadurch, dass moderne Begriffe wie Determinismus, Notwendigkeit und Möglichkeit nicht exakt mit den antiken Kategorien übereinstimmen.

Oxford weist ausdrücklich darauf hin, dass Chrysipp zwischen kausaler Bestimmung und verschiedenen Formen von Notwendigkeit unterschied. Sein Determinismus sollte daher nicht einfach mit einem groben „Alles muss zwangsläufig so geschehen“ gleichgesetzt werden.

Warum Verantwortung ohne absoluten freien Willen möglich bleibt

Die stoische Position lässt sich jetzt zusammenfassen.

Ein äußerer Vorgang erzeugt einen Eindruck.

Der Mensch verarbeitet diesen Eindruck entsprechend seiner geistigen Beschaffenheit.

Er urteilt.

Er stimmt zu oder lehnt ab.

Daraus entsteht ein Impuls.

Und daraus eine Handlung.

Dieser gesamte Prozess gehört zum kausalen Kosmos.

Aber der Mensch ist innerhalb dieses Prozesses nicht bedeutungslos.

Er ist selbst eine Ursache.

Genau dadurch entsteht Verantwortung.

Nicht weil wir außerhalb der Natur stehen.

Sondern weil wir als vernünftige Wesen innerhalb der Natur handeln.

Epiktet verschiebt den Schwerpunkt

Jahrhunderte später erhält diese Tradition bei Epiktet eine stärker praktische Form.

Seine berühmte Unterscheidung zwischen Dingen, die von uns abhängen, und Dingen, die nicht von uns abhängen, wird häufig unmittelbar mit der frühen stoischen Diskussion über Determinismus gleichgesetzt.

Ganz so einfach ist es historisch nicht.

Die Forschung unterscheidet ausdrücklich zwischen dem frühen stoischen Begriff dessen, was „von uns abhängt“, und Epiktets später entwickeltem Freiheitsbegriff.

Trotzdem ist die Verbindung philosophisch deutlich:

Die Stoa verschiebt den Schwerpunkt weg von der Kontrolle über äußere Ereignisse und hin zur Qualität des eigenen Urteilens und Handelns.

Du kontrollierst nicht den gesamten Kosmos.

Aber dein Urteil ist kein bedeutungsloser Zuschauer dieses Kosmos.

Es gehört zu seinen Ursachen.

Stoizismus bedeutet deshalb nicht passive Schicksalsergebenheit

Die Vorstellung des passiven Stoikers beruht auf einem grundlegenden Missverständnis.

Akzeptanz bedeutet nicht Untätigkeit.

Wenn ein Problem lösbar ist, gehört Handeln zur vernünftigen Antwort.

Wenn Training notwendig ist, trainierst du.

Wenn ein Arzt benötigt wird, suchst du einen Arzt auf.

Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, entscheidest du.

Erst dort, wo die Wirklichkeit nicht mehr verändert werden kann, beginnt die Aufgabe der Akzeptanz.

Der Stoiker soll nicht versuchen, außerhalb der Kausalität zu stehen.

Er soll innerhalb der Wirklichkeit vernünftig handeln.

Das ist etwas völlig anderes als Resignation.

Die eigentliche Freiheit der Stoa

Die klassische Stoa suchte Freiheit nicht in einem geheimnisvollen, völlig ursachenlosen Willen.

Ihre Vorstellung ist nüchterner.

Der Mensch wird freier, wenn sein Handeln immer weniger durch ungeprüfte Eindrücke, Leidenschaften und äußeren Zwang beherrscht wird und immer stärker aus vernünftiger Einsicht hervorgeht.

Das ist keine absolute Unabhängigkeit von Ursachen.

Es ist eine Form von innerer Selbstbestimmung innerhalb einer kausal geordneten Welt.

Gerade darin liegt die Stärke des stoischen Ansatzes.

Die Stoa muss die Naturgesetze nicht durchbrechen, um Verantwortung zu retten.

Der vernünftig handelnde Mensch ist selbst Teil der Natur.

FAZIT: Schicksal nimmt dir die Verantwortung nicht ab

Die Stoiker glaubten an eine Welt, in der Ereignisse Ursachen besitzen und miteinander verbunden sind.

Auch menschliche Entscheidungen stehen innerhalb dieser Ordnung.

Doch daraus folgt keine Passivität.

Unsere Überlegungen, Urteile und Handlungen gehören selbst zu den Ursachen dessen, was geschieht.

Chrysipps Zylinder zeigt den Grundgedanken: Ein äußerer Stoß setzt etwas in Bewegung, aber die weitere Bewegung hängt auch von der Beschaffenheit dessen ab, was angestoßen wurde.

Beim Menschen gehören Charakter, Vernunft und Zustimmung zu dieser inneren Beschaffenheit.

Deshalb konnte die Stoa Determinismus und Verantwortung miteinander verbinden.

Du stehst nicht außerhalb des Schicksals. Deine Entscheidungen sind ein Teil davon.

Quellen


Linkempfehlung: Stoizismus

Teilen:

Gründer, Autor, Publizist und Herausgeber von AUREXON.COM. Seine Arbeit verbindet klassischen und modernen Stoizismus mit Disziplin, Selbstführung, Eigenverantwortung sowie ausgewählten Erkenntnissen aus Psychologie und Verhaltensforschung.

Exit mobile version