Wenn heute von den großen Stoikern gesprochen wird, fallen meist dieselben Namen:

Marcus Aurelius. Seneca. Epiktet. Vielleicht noch Zenon.

Zwei Männer werden dagegen erstaunlich oft übergangen: Kleanthes und Chrysipp.

Dabei wäre die Geschichte der Stoa ohne sie kaum dieselbe.

Zenon von Kition hatte um 300 v. Chr. in Athen jene philosophische Schule begründet, die später nach der bemalten Säulenhalle – der Stoa Poikile – benannt wurde. Doch eine philosophische Schule überlebt ihren Gründer nicht automatisch. Ideen müssen weitergegeben, verteidigt, präzisiert und zu einem zusammenhängenden System ausgebaut werden.

Genau hier beginnt die Bedeutung von Kleanthes und Chrysipp.

Kleanthes bewahrte die Schule nach Zenons Tod, führte zentrale Gedanken weiter und verlieh besonders der stoischen Vorstellung einer vernünftig geordneten Natur Ausdruck.

Chrysipp ging noch weiter.

Er systematisierte die Stoa in einer Tiefe, die ihm bereits in der Antike den Ruf einbrachte, der eigentliche theoretische Architekt des Stoizismus zu sein. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy bezeichnet ihn als den bedeutendsten Theoretiker und Systematisierer der frühen Schule; die antike Überlieferung kannte sogar den Ausspruch, ohne Chrysipp hätte es die Stoa nicht gegeben.

Die Philosophie, die Seneca, Epiktet und Marcus Aurelius Jahrhunderte später voraussetzen konnten, entstand deshalb nicht allein durch Zenon.

Sie entstand durch eine philosophische Generationenkette:

Zenon gründete. Kleanthes bewahrte und vertiefte. Chrysipp systematisierte und verteidigte.

Wut fühlt sich nach Macht an, weil sie Energie freisetzt. Stärke zeigt sich aber erst darin, ob du dieser Energie eine Richtung geben kannst.

CRIXUS AUREXNO

Die ersten drei Männer der Stoa

Die frühe Geschichte des Stoizismus lässt sich ungewöhnlich klar an drei aufeinanderfolgenden Leitern der Schule erkennen.

Philosoph Stellung Besondere Bedeutung
Zenon von Kition Gründer der Stoa legte die philosophischen Grundlagen
Kleanthes von Assos zweiter Leiter bewahrte und entwickelte Zenons Schule weiter
Chrysipp von Soloi dritter Leiter systematisierte, begründete und verteidigte die stoische Lehre

Diese Reihenfolge darf allerdings nicht zu einem falschen Bild führen.

Zenon hinterließ keineswegs nur einige lose Gedanken, die erst seine Nachfolger zu Philosophie machten. Bereits die frühe Stoa verstand Philosophie als zusammenhängendes Gefüge aus Logik, Physik und Ethik.

Aber zwischen einer gegründeten Schule und einem über Jahrhunderte tragfähigen philosophischen System besteht ein Unterschied.

Kleanthes und vor allem Chrysipp sorgten dafür, dass die Stoa diesen Schritt vollziehen konnte.

Kleanthes: Der Mann, der Zenons Erbe bewahrte

Kleanthes stammte aus Assos in Kleinasien, im Gebiet der heutigen Türkei.

Die antike Überlieferung schildert ihn als bemerkenswert ausdauernden Mann. Diogenes Laertios und spätere biografische Quellen berichten, er habe ursprünglich als Boxer gearbeitet und während seines philosophischen Studiums nachts körperliche Arbeit verrichtet, unter anderem Wasser getragen, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Wie bei vielen antiken Philosophen müssen solche biografischen Geschichten vorsichtig behandelt werden. Sie wurden Jahrhunderte später überliefert und besitzen teilweise anekdotischen Charakter.

Doch das Bild, das die antiken Quellen von Kleanthes zeichnen, ist eindeutig:

Ausdauer statt Brillanz auf den ersten Blick.

Zenon soll ihn mit einer harten Wachstafel verglichen haben, die nur schwer zu beschreiben sei, das Geschriebene anschließend aber zuverlässig bewahre.

Damit wurde eine Eigenschaft beschrieben, die für die junge Stoa entscheidend werden sollte.

Kleanthes war nicht der revolutionäre Neuerfinder der Schule.

Er war ihr Träger.

Nach Zenons Tod übernahm er die Leitung und hielt eine philosophische Tradition zusammen, deren Gründer verschwunden war.

Warum Kleanthes wichtiger war, als sein heutiger Bekanntheitsgrad vermuten lässt

Philosophische Schulen können sehr schnell zerfallen.

Ein charismatischer Gründer entwickelt neue Ideen.

Schüler sammeln sich um ihn.

Dann stirbt der Gründer.

Plötzlich entstehen unterschiedliche Interpretationen.

Einige Schüler setzen andere Schwerpunkte.

Andere verlassen die Schule.

Wieder andere entwickeln konkurrierende Lehren.

Genau deshalb ist die zweite Generation häufig entscheidender, als sie im Rückblick erscheint.

Kleanthes musste aus der Autorität eines einzelnen Gründers eine fortbestehende Institution machen.

Dass die Stoa nach Zenon nicht verschwand, sondern sich weiterentwickelte, ist deshalb selbst eine philosophisch bedeutende Leistung.

„Leben gemäß der Natur“

Besonders wichtig wurde Kleanthes für eine Formulierung, die heute zu den bekanntesten Grundsätzen des Stoizismus gehört:

Leben gemäß der Natur.

Die antiken Quellen unterscheiden in den überlieferten Formulierungen zwischen Zenon, Kleanthes und später Chrysipp.

Zenon verband das gute Leben mit einem Leben in Übereinstimmung beziehungsweise innerer Konsistenz.

Kleanthes betonte ausdrücklich die Übereinstimmung mit der Natur.

Damit war nicht gemeint, möglichst ursprünglich zu leben oder gesellschaftliche Regeln abzulehnen.

„Natur“ bezeichnete im stoischen Denken eine viel umfassendere Ordnung.

Die Welt erschien den Stoikern als strukturierter, vernünftiger Kosmos.

Der Mensch besitzt Vernunft.

Deshalb besteht ein gutes menschliches Leben darin, diese Vernunft entsprechend seiner Stellung innerhalb der größeren natürlichen Ordnung zu gebrauchen.

Die moderne Kurzformel „Leben gemäß der Natur“ wirkt deshalb einfacher, als das philosophische Konzept tatsächlich ist.

Kleanthes und der Logos

Besonders deutlich wird Kleanthes‘ Weltbild in seinem berühmten Hymnus an Zeus.

Zeus ist dort nicht lediglich der anthropomorphe Gott populärer Mythologie.

Er steht zugleich für die vernünftige Ordnung, die den Kosmos durchzieht.

Das ist entscheidend für das Verständnis der frühen Stoa.

Ethik war für diese Philosophen nicht von ihrer Vorstellung der Welt getrennt.

Warum soll der Mensch vernünftig handeln?

Weil er selbst Teil eines durch Vernunft strukturierten Kosmos ist.

Warum soll er akzeptieren, dass nicht alles seinem persönlichen Wunsch entspricht?

Weil er nicht außerhalb der Natur steht.

Warum ist Tugend wichtiger als Besitz?

Weil moralische Qualität aus dem Gebrauch der eigenen Vernunft entsteht und nicht aus Dingen, die von äußeren Umständen abhängen.

Hier zeigt sich, warum die stoische Physik für die Ethik wichtig war.

Die Stoa wollte nicht nur Regeln für gutes Verhalten geben.

Sie wollte erklären, warum diese Regeln zur Struktur der Wirklichkeit passen.

Dann kam Chrysipp

Wenn Kleanthes die Brücke zwischen Zenon und der Zukunft der Schule bildete, war Chrysipp der Mann, der auf dieser Brücke eine ganze philosophische Festung errichtete.

Chrysipp stammte aus Soloi in Kilikien.

Er wurde Schüler des Kleanthes und übernahm später als dritter Scholarch die Leitung der Stoa.

Seine Bedeutung war enorm.

Diogenes Laertios beschreibt ihn als außergewöhnlich produktiven Autor und herausragenden Dialektiker. Die Überlieferung schreibt ihm hunderte Schriften beziehungsweise Bücher zu, von denen heute fast nichts vollständig erhalten ist.

Das ist eines der großen Probleme der Geschichte des Stoizismus:

Wir besitzen die Bücher des vielleicht wichtigsten theoretischen Stoikers nicht mehr vollständig.

Unser Wissen über Chrysipp stammt deshalb überwiegend aus Fragmenten, Zusammenfassungen und Berichten späterer Autoren.

Dasselbe Problem betrifft auch Zenon und Kleanthes.

Von keinem der ersten drei Leiter der Stoa besitzen wir ein vollständig erhaltenes philosophisches Hauptwerk. Die ausführlichsten vollständig erhaltenen stoischen Texte stammen erst aus der römischen Kaiserzeit.

Warum Chrysipp zum Systematiker der Stoa wurde

Chrysipp war kein bloßer Verwalter einer fertigen Lehre.

Er diskutierte.

Differenzierte.

Widersprach.

Entwickelte Argumente.

Verteidigte stoische Positionen gegen konkurrierende Philosophenschulen.

Und er versuchte, die verschiedenen Teile der Philosophie miteinander zu verbinden.

Das war notwendig.

Denn eine Philosophie, die behauptet, erklären zu können, wie Menschen denken, wie Erkenntnis entsteht, wie die Natur funktioniert, wie Freiheit mit Schicksal vereinbar ist und wie ein gutes Leben aussieht, braucht mehr als ein paar moralische Regeln.

Sie braucht ein System.

Genau darin lag Chrysipps Stärke.

Logik, Physik und Ethik gehörten zusammen

Stoische Philosophie wurde traditionell in drei große Bereiche gegliedert:

Logik – Physik – Ethik.

Diese Einteilung sollte man nicht mit modernen Universitätsfächern verwechseln.

Logik

Die stoische Logik umfasste unter anderem:

Sprache.

Argumentation.

Erkenntnistheorie.

Wahrheit und Irrtum.

Eindrücke und Urteile.

Schlussfolgerungen.

Physik

Die Physik untersuchte:

Materie.

Natur.

Ursachen.

Kosmos.

Gott beziehungsweise Logos.

Schicksal.

Die Stellung des Menschen innerhalb der Welt.

Ethik

Die Ethik fragte:

Was ist gut?

Was ist Tugend?

Was bedeutet Glück?

Wie soll der Mensch handeln?

Welche Dinge besitzen echten moralischen Wert?

Diese drei Bereiche waren miteinander verbunden.

Du kannst nicht vernünftig handeln, wenn du nicht zwischen einem Eindruck und einem begründeten Urteil unterscheiden kannst.

Du kannst deine Stellung im Leben nicht verstehen, wenn du keine Vorstellung davon besitzt, was ein Mensch und was Natur überhaupt sind.

Und du kannst nicht über Verantwortung sprechen, ohne darüber nachzudenken, wie Ursache, Entscheidung und Schicksal zusammenpassen.

Stoische Ethik stand deshalb niemals isoliert.

Chrysipp und die stoische Logik

Eine der historisch bedeutendsten Leistungen Chrysipps liegt in der Logik.

Während Aristoteles vor allem Schlussformen untersucht hatte, die Beziehungen zwischen Begriffen analysieren, entwickelten die Stoiker eine hochentwickelte Logik ganzer Aussagen.

Vereinfacht:

Nicht nur:

Alle Menschen sind sterblich.

Sokrates ist ein Mensch.

Also ist Sokrates sterblich.

Sondern auch Strukturen wie:

Wenn A, dann B.

A.

Also B.

Oder:

Entweder A oder B.

Nicht A.

Also B.

Heute erscheinen solche Strukturen selbstverständlich.

In der Antike waren sie Teil einer äußerst anspruchsvollen logischen Tradition.

Chrysipp spielte bei deren Entwicklung eine zentrale Rolle. Moderne Forschung betrachtet die stoische Aussagenlogik deshalb als bedeutenden eigenständigen Beitrag zur Geschichte der Logik.

Das ist ein Detail, das beim modernen populären Stoizismus fast vollständig verloren geht.

Der Mann, der wesentlich dazu beitrug, die Philosophie zu formen, die heute mit Gelassenheit und Selbstkontrolle verbunden wird, war zugleich einer der wichtigsten Logiker der hellenistischen Philosophie.

Warum Logik für den Stoiker keine akademische Spielerei war

Für Chrysipp hatte Logik eine praktische Konsequenz.

Der Mensch reagiert nicht einfach auf die Welt.

Er verarbeitet Eindrücke.

Dann beurteilt er sie.

Dann stimmt er bestimmten Interpretationen zu.

Aus diesen Urteilen entstehen Handlungen und emotionale Reaktionen.

Wenn dein Urteil falsch ist, kann deine gesamte Reaktion falsch werden.

Ein Mann verliert seinen beruflichen Status.

Eindruck:

Ich habe meine Position verloren.

Urteil:

Damit habe ich meinen Wert verloren.

Das erste kann eine Tatsache sein.

Das zweite ist eine Bewertung.

Genau diese Trennung wird später für Epiktet enorm wichtig.

Doch ihr theoretischer Unterbau entstand bereits in der frühen Stoa und wurde besonders durch Chrysipp ausgearbeitet.

Chrysipp und die Gefühle

Auch die stoische Theorie der Leidenschaften wurde durch Chrysipp systematisch entwickelt.

Wut.

Angst.

Gier.

Übermäßige Begierde.

Verzweiflung.

Für die Stoiker waren solche Zustände nicht einfach körperliche Kräfte, denen der Verstand hilflos ausgeliefert ist.

Sie hängen wesentlich mit Urteilen und Bewertungen zusammen.

Du fürchtest etwas, weil du es als großes Übel beurteilst.

Du gerätst außer dir vor Wut, weil du glaubst, dir sei etwas Unerträgliches oder moralisch nicht hinnehmbares widerfahren.

Du klammerst dich an Anerkennung, weil du sie zu einem notwendigen Gut erklärt hast.

Damit wird emotionale Selbstführung zu einer Frage der Urteilsprüfung.

Das erklärt, warum die späteren Texte von Seneca, Epiktet und Marcus Aurelius so häufig bei unseren Bewertungen ansetzen.

Ein Kosmos aus Ursache und Ordnung

Noch schwieriger wurde die Frage des Schicksals.

Die Stoiker gingen davon aus, dass die Natur kausal geordnet ist.

Nichts geschieht völlig losgelöst vom übrigen Kosmos.

Doch wenn alles in einer Kette von Ursachen steht, entsteht sofort ein Problem:

Wie kann der Mensch dann verantwortlich sein?

Wenn alles bestimmt ist, bin ich dann überhaupt für meine Entscheidungen verantwortlich?

Chrysipp versuchte, Determinismus und menschliche Verantwortlichkeit miteinander zu vereinbaren.

Die moderne Philosophie würde verwandte Positionen unter dem Begriff Kompatibilismus diskutieren.

Der grundlegende Gedanke:

Eine Handlung kann Ursachen besitzen und dennoch deine Handlung sein, weil sie aus deinem Charakter, deinem Urteil und deiner inneren Verfassung hervorgeht.

Du stehst nicht außerhalb der Kausalität.

Du bist selbst Teil davon.

Damit entstand eine der philosophisch anspruchsvollsten Grundlagen der späteren stoischen Haltung gegenüber Schicksal und Verantwortung.

Chrysipp kopierte Zenon nicht

Das ist wichtig.

Die Entwicklung der Stoa war kein Prozess, bei dem jeder Schüler lediglich ehrfürchtig wiederholte, was sein Lehrer gesagt hatte.

Kleanthes und Chrysipp unterschieden sich.

Chrysipp unterschied sich von Zenon.

Und er widersprach seinem Lehrer Kleanthes in einzelnen philosophischen Fragen.

Diogenes Laertios berichtet sogar, Chrysipp habe sinngemäß gesagt, man müsse ihm lediglich die Lehren nennen – die Beweise dafür werde er selbst finden.

Ob jede überlieferte Formulierung historisch exakt ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Aber das Grundbild ist glaubwürdig:

Chrysipp wollte argumentieren, nicht rezitieren.

Das ist ein entscheidender Grund dafür, warum die Stoa zu einem philosophischen System und nicht zu einem Gründerkult wurde.

Kleanthes und Chrysipp waren sich nicht in allem einig

Ein interessantes Beispiel ist das berühmte Ziel:

Leben gemäß der Natur.

Kleanthes bezog den Begriff der Natur besonders stark auf die Natur des gesamten Kosmos.

Chrysipp bezog sowohl die universelle Natur als auch die spezifische menschliche Natur ein.

Der Mensch ist Teil des Ganzen.

Aber er besitzt zugleich eine besondere Eigenschaft:

Vernunft.

Damit bedeutet ein naturgemäßes menschliches Leben auch, entsprechend dieser rationalen Natur zu handeln.

Solche Unterschiede mögen klein erscheinen.

Tatsächlich zeigen sie etwas Wichtiges:

Stoizismus war nie nur eine Sammlung unveränderlicher Sätze.

Er war eine philosophische Debatte innerhalb gemeinsamer Grundannahmen.

Warum wir heute mehr Marcus Aurelius als Chrysipp lesen

Die Antwort ist erstaunlich banal:

Überlieferung.

Die Schriften Chrysipps sind größtenteils verloren.

Dasselbe gilt für Zenon und Kleanthes.

Von Kleanthes ist unter anderem sein berühmter Hymnus an Zeus erhalten, daneben Fragmente und Berichte anderer Autoren.

Von Chrysipp existieren zahlreiche Fragmente und indirekte Zeugnisse, aber kein vollständiges Werk, das sich heute wie Marcus Aurelius‘ Selbstbetrachtungen von Anfang bis Ende lesen ließe.

Unsere Wahrnehmung des Stoizismus wird deshalb stark durch das beeinflusst, was zufällig überlebt hat.

Seneca.

Epiktet.

Marcus Aurelius.

Diese Autoren sind nicht unwichtig.

Im Gegenteil.

Aber sie gehören einer späteren Phase der Tradition an.

Wer nur sie liest, sieht häufig die praktische Oberfläche einer Philosophie, deren theoretisches Fundament Jahrhunderte zuvor ausgearbeitet worden war.

Ohne frühe Stoa kein Marcus Aurelius

Marcus Aurelius konnte über Urteile schreiben, weil hinter ihm eine lange stoische Erkenntnistheorie stand.

Epiktet konnte zwischen dem unterscheiden, was bei uns liegt und was nicht, weil die Schule seit Jahrhunderten über Handlung, Urteil und Verantwortung diskutiert hatte.

Seneca konnte über Wut analysieren, weil die Stoa bereits eine differenzierte Theorie von Leidenschaften und Bewertungen entwickelt hatte.

Die späteren Stoiker begannen nicht bei null.

Sie erbten eine philosophische Infrastruktur.

Und ein erheblicher Teil dieser Infrastruktur führt zurück zu Kleanthes und vor allem Chrysipp.

Die unterschätzte Leistung des Bewahrens

Kleanthes zeigt dabei eine andere Form von philosophischer Stärke.

Nicht jeder bedeutende Denker muss alles neu erfinden.

Manche Leistungen bestehen darin, etwas Wertvolles so zuverlässig zu bewahren, dass die nächste Generation überhaupt damit weiterarbeiten kann.

Das gilt nicht nur für Philosophie.

Es gilt für Unternehmen.

Institutionen.

Familien.

Wissen.

Kultur.

Eine Idee kann genial sein.

Wenn niemand sie trägt, endet sie mit ihrem Erfinder.

Kleanthes war deshalb keine bloße Zwischenfigur zwischen Zenon und Chrysipp.

Er war die Verbindung.

Die unterschätzte Leistung des Systematisierens

Chrysipp verkörpert dagegen eine andere Fähigkeit.

Ordnung schaffen.

Menschen lieben einfache Ideen.

Kontrolliere deine Reaktion.

Lebe gemäß der Natur.

Tugend ist wichtiger als Besitz.

Akzeptiere das Unvermeidliche.

Aber jede einfache Aussage erzeugt schwierige Fragen.

Was bedeutet Kontrolle?

Was bedeutet Natur?

Warum ist Tugend gut?

Was ist überhaupt ein Urteil?

Wie entsteht Wissen?

Sind unsere Entscheidungen frei?

Was ist Ursache?

Wie können Gefühle falsch sein?

Was unterscheidet einen vernünftigen Eindruck von einem Irrtum?

Eine ernsthafte Philosophie muss diese Fragen aushalten.

Chrysipp nahm sie ernst.

Genau deshalb wurde aus einer attraktiven Lehre ein belastbares philosophisches Gebäude.

Was Kleanthes und Chrysipp heute noch lehren

Ihre größte moderne Lektion liegt deshalb möglicherweise nicht in einem einzelnen stoischen Grundsatz.

Sie liegt in ihrer Arbeitsweise.

Kleanthes zeigt:

Bewahre, was sich bewährt hat.

Chrysipp zeigt:

Prüfe, begründe und verbessere es.

Das ist wesentlich anspruchsvoller als blinde Loyalität oder permanente Neuerfindung.

Wer jede Tradition ablehnt, beginnt ständig bei null.

Wer jede Tradition unkritisch übernimmt, bleibt stehen.

Entwicklung entsteht zwischen beiden Extremen:

Übernehmen, prüfen, korrigieren, weiterentwickeln.

Genau so entwickelte sich die frühe Stoa.

Stoizismus war von Anfang an anspruchsvoller als Lebensweisheiten

Der heutige Erfolg des Stoizismus hat einen Nachteil.

Viele Grundsätze werden auf wenige Sätze reduziert.

Konzentriere dich auf das Kontrollierbare.

Sei diszipliniert.

Akzeptiere dein Schicksal.

Bleib ruhig.

Das kann praktisch hilfreich sein.

Aber es vermittelt kaum, wie intellektuell anspruchsvoll die ursprüngliche Schule war.

Die frühen Stoiker diskutierten:

Logik.

Sprachphilosophie.

Erkenntnistheorie.

Psychologie.

Ethik.

Kosmologie.

Theologie.

Kausalität.

Determinismus.

Natur.

Politik.

Argumentation.

Stoizismus war ein vollständiger Versuch, Welt und Mensch innerhalb eines einheitlichen vernünftigen Systems zu erklären.

Wer das versteht, betrachtet Marcus Aurelius anschließend anders.

Seine kurzen Notizen stehen plötzlich nicht mehr isoliert da.

Hinter ihnen liegt ein philosophisches Gebäude, an dem Generationen gearbeitet hatten.

Der vielleicht wichtigste Stoiker, den kaum jemand kennt

Zenon erhält den Ruhm des Gründers.

Marcus Aurelius den Ruhm des Philosophenkaisers.

Seneca hinterließ außergewöhnlich zugängliche Texte.

Epiktet entwickelte eine Sprache, die selbst zweitausend Jahre später unmittelbar praktisch wirkt.

Chrysipp hatte einen anderen Platz.

Er baute das Fundament aus.

Seine Bücher sind größtenteils verschwunden.

Sein Name ist außerhalb der Philosophie kaum bekannt.

Doch sein Einfluss steckt tief in dem System, das später unter dem Namen Stoizismus weiterlebte.

Das erklärt den berühmten antiken Ausspruch:

Sinngemäß:

Ohne Chrysipp keine Stoa.

Wahrscheinlich ist das die kürzeste Beschreibung seiner historischen Bedeutung.

FAZIT: Ideen überleben nur, wenn jemand sie weiterbaut

Zenon gab der Stoa ihren Ausgangspunkt.

Doch eine Gründung allein garantiert kein Fortbestehen.

Kleanthes bewahrte die Schule. Chrysipp verwandelte ihre Lehren in ein ausgearbeitetes philosophisches System.

Ihre Geschichte zeigt damit etwas, das weit über den Stoizismus hinausgeht:

Eine starke Idee braucht Menschen, die sie tragen.

Und sie braucht Menschen, die bereit sind, sie zu prüfen, zu begründen und weiterzuentwickeln.

Tradition ohne Weiterentwicklung erstarrt. Weiterentwicklung ohne Fundament verliert die Richtung. Stärke entsteht aus beidem.

Quellen


Linkempfehlung: Stoizismus

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Gründer, Autor, Publizist und Herausgeber von AUREXON.COM. Seine Arbeit verbindet modernen Stoizismus, Disziplin, Selbstführung und Eigenverantwortung mit ausgewählten Erkenntnissen aus Psychologie und Verhaltensforschung. Im Mittelpunkt stehen klare Analysen, präzise Begriffsarbeit und praxistaugliche Denk- und Handlungsmodelle für Menschen, die Verantwortung für ihr Denken und Handeln übernehmen.

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