Die stoische Logik war wesentlich umfassender als das, was heute meist unter formaler Logik verstanden wird. Sie umfasste Argumentation, Sprache, Bedeutung, Rhetorik und Teile der Erkenntnistheorie. Besonders wichtig ist, dass die Stoiker eine Aussagenlogik entwickelten und mit fünf grundlegenden unbeweisbaren Schlussformen arbeiteten.
Ableitung – Herleitung einer Schlussfolgerung aus gegebenen Prämissen nach gültigen logischen Regeln.
Affirmation – Bejahende Aussage, mit der ein bestimmter Sachverhalt als bestehend behauptet wird.
Ambiguität – Mehrdeutigkeit eines Ausdrucks oder Satzes, die unterschiedliche Interpretationen zulässt.
Anapodeiktos – „Unbeweisbares“; grundlegende gültige Schlussform, die innerhalb der stoischen Logik keiner weiteren Ableitung bedarf.
Antezedens – Vorderglied eines Konditionals, also der „Wenn“-Teil einer Wenn-dann-Aussage.
Antilogismus – Verfahren, bei dem durch Umstellung und Widerspruchsbildung logische Beziehungen innerhalb eines Arguments geprüft werden.
Appellativum – Allgemeine Bezeichnung beziehungsweise Gattungsname im Gegensatz zu einem Eigennamen.
Argument – Verbindung von Prämissen mit einer Schlussfolgerung, die aus ihnen hervorgehen soll.
Aussagemodus – Abstrakte logische Struktur eines Arguments unabhängig von seinen konkreten Inhalten.
Aussagesatz – Sprachliche Äußerung, die einen wahrheitsfähigen Aussageinhalt ausdrückt.
Axioma – Aussage beziehungsweise vollständiges Sagbares, das wahr oder falsch sein kann.
Bedeutung – Gedanklicher Inhalt eines sprachlichen Zeichens, der vom Laut und vom bezeichneten Gegenstand unterschieden wird.
Bivalenz – Prinzip, nach dem eine Aussage grundsätzlich entweder wahr oder falsch ist.
Deiktische Aussage – Aussage, deren Bezug durch einen hinweisenden Ausdruck wie „dieser“ bestimmt wird.
Deklaratives Lekton – Vollständiges Sagbares, durch das eine Behauptung ausgedrückt wird.
Demonstrativ – Hinweisender Ausdruck, dessen Bezug durch Situation oder Zeigehandlung bestimmt wird.
Dialektike – Teil der stoischen Logik, der sich mit Sprache, Bedeutung, Wahrheit, Argumentation und Schlussfolgerungen beschäftigt.
Disjunktion – Zusammengesetzte Aussage der Form „entweder p oder q“.
Doppelte Negation – Verneinung einer bereits verneinten Aussage, wodurch der ursprüngliche Aussageinhalt wiederhergestellt wird.
Eigenname – Sprachlicher Ausdruck, der ein bestimmtes Individuum bezeichnet.
Einfache Aussage – Aussage, die nicht aus mehreren vollständigen Aussagen mittels logischer Verknüpfungen zusammengesetzt ist.
Erstes Unbeweisbares – Schlussform: Wenn p, dann q; p; also q. Sie entspricht dem später sogenannten Modus Ponens.
Etymologie – Untersuchung der Herkunft und ursprünglichen Bedeutung von Wörtern.
Exklusive Disjunktion – Oder-Verknüpfung, bei der genau eine der verbundenen Aussagen wahr sein soll.
Formale Gültigkeit – Eigenschaft eines Arguments, dessen Schlussfolgerung aufgrund seiner logischen Struktur aus den Prämissen folgt.
Frage – Vollständiges Sagbares, durch dessen Äußerung ein Fragesprechakt vollzogen wird.
Fünftes Unbeweisbares – Schlussform: Entweder p oder q; nicht p; also q.
Gattungsname – Allgemeiner sprachlicher Ausdruck für eine Klasse oder Art von Gegenständen.
Gültigkeit – Eigenschaft eines Arguments, bei dem die Schlussfolgerung aus den Prämissen logisch folgt.
Haufenparadox – Problem schrittweiser Veränderungen: Wann wird aus einzelnen Körnern ein Haufen beziehungsweise wann hört ein Haufen auf, einer zu sein?
Hornparadox – Antikes Fangargument, das aus der Annahme, man besitze alles, was man nicht verloren habe, absurde Folgerungen erzeugt.
Hypothese – Als Voraussetzung angenommener Aussageinhalt, von dem eine weitere Argumentation ausgeht.
Imperativisches Lekton – Vollständiges Sagbares, durch das ein Befehl ausgedrückt wird.
Indefinites Axioma – Aussage mit unbestimmtem Subjekt, beispielsweise „Jemand geht“.
Indexikalität – Kontextabhängigkeit sprachlicher Ausdrücke wie „dieser“, „hier“ oder „jetzt“.
Interrogatives Lekton – Vollständiges Sagbares, durch das eine Frage ausgedrückt wird.
Kategorema – Prädikat beziehungsweise unvollständiges Sagbares, das für eine vollständige Aussage noch auf einen Gegenstand bezogen werden muss.
Komplexe Aussage – Aussage, die aus mehreren einfacheren Aussagen durch logische Verknüpfungen aufgebaut ist.
Konditional – Zusammengesetzte Aussage der Form „Wenn p, dann q“.
Konjunktion – Zusammengesetzte Aussage, die mehrere Aussagen mit „und“ verbindet.
Konsequens – Hinterglied eines Konditionals, also der „Dann“-Teil einer Wenn-dann-Aussage.
Kontradiktion – Verhältnis zwischen einer Aussage und ihrer vollständigen Negation.
Kontraposition – Logische Umformung eines Konditionals, bei der aus der Beziehung zwischen p und q eine entsprechende Beziehung zwischen nicht-q und nicht-p gewonnen wird.
Lekton – Das „Sagbare“: der bedeutungstragende Inhalt einer Äußerung oder rationalen Vorstellung, den die Stoiker als unkörperlich auffassten.
Lekton autoteles – Vollständiges Sagbares mit abgeschlossenem gedanklichem oder sprachlichem Inhalt.
Lekton ellipes – Unvollständiges Sagbares, dem für eine vollständige Aussage noch ein Bestandteil fehlt.
Logike – Stoische Logik im umfassenden Sinn, einschließlich Dialektik, Rhetorik, Sprachtheorie und Erkenntnistheorie.
Logische Form – Struktur einer Aussage oder eines Arguments unabhängig von dessen konkretem Inhalt.
Logische Partikel – Ausdruck wie „wenn“, „und“, „entweder“ oder „nicht“, der die logische Struktur einer Aussage bestimmt.
Lügnerparadox – Paradox selbstbezüglicher Falschaussagen wie „Diese Aussage ist falsch“, mit dem sich insbesondere Chrysippos beschäftigte.
Modalität – Bestimmung einer Aussage hinsichtlich Möglichkeit, Unmöglichkeit, Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit.
Modus Ponens – Moderne Bezeichnung für die Schlussform: Wenn p, dann q; p; also q.
Modus Tollens – Moderne Bezeichnung für die Schlussform: Wenn p, dann q; nicht q; also nicht p.
Möglichkeit – Modaler Status einer Aussage, die wahr sein kann und deren Wahrwerden nicht ausgeschlossen ist.
Negation – Verneinung eines Aussageinhalts.
Nichtnotwendigkeit – Modaler Status einer Aussage, deren Gegenteil möglich ist.
Notwendigkeit – Modaler Status einer Aussage, deren Falschsein ausgeschlossen ist.
Prädikat – Bedeutungselement, das einem Gegenstand eine Handlung, Eigenschaft oder Beziehung zuschreibt.
Prämisse – Aussage, die innerhalb eines Arguments als Ausgangspunkt für eine Schlussfolgerung dient.
Ptosis – Wörtlich „Fall“; technischer Begriff der stoischen Sprachtheorie für die semantische Weise, in der ein Gegenstand in eine Aussage eingeht.
Reduktion – Rückführung eines komplexeren gültigen Arguments auf grundlegende unbeweisbare Schlussformen.
Referenz – Beziehung zwischen einem sprachlichen Ausdruck und dem Gegenstand, auf den dieser Ausdruck verweist.
Rhetorike – Rhetorik als Lehre vom zusammenhängenden und angemessenen sprachlichen Ausdruck.
Schlussfolgerung – Aussage, die aus den Prämissen eines Arguments hervorgehen soll.
Schlussregel – Regel, die festlegt, wann aus bestimmten Prämissen eine bestimmte Schlussfolgerung gültig gezogen werden darf.
Semainomenon – Das Bedeutete, also der durch ein sprachliches Zeichen vermittelte Bedeutungsinhalt.
Semainon – Das Bedeutende, insbesondere der körperliche Laut oder das sprachliche Zeichen.
Sorites – Paradox schrittweiser Veränderungen, bei denen kleine Einzelschritte keine klare Grenze erzeugen, ihre Summe aber zu einem deutlich anderen Zustand führt.
Stoische Syllogistik – Deduktives System aus grundlegenden Schlussformen und Regeln zur Rückführung komplexerer Argumente.
Syllogismos – Gültiger Schluss, der entweder selbst einem unbeweisbaren Grundmuster entspricht oder darauf reduziert werden kann.
Themata – Stoische Reduktionsregeln, mit denen komplexere gültige Argumente auf grundlegende Schlussformen zurückgeführt werden.
Vagheit – Unschärfe eines Begriffs an seinen Grenzfällen, wie sie besonders in Sorites-Problemen sichtbar wird.
Wahrheitswert – Eigenschaft einer Aussage, wahr oder falsch zu sein.
Widerspruch – Verhältnis zweier Aussagen, von denen eine die Negation der anderen ausdrückt.
Die Besonderheit liegt darin, dass die Stoiker logische Beziehungen zwischen ganzen Aussagen untersuchten. Konditionale, Disjunktionen, Modalitäten und die fünf Unbeweisbaren bilden deshalb einen wesentlichen Teil ihrer Logik.
Handlung, Freiheit & Verantwortung
Die klassische Stoa verbindet eine kausal geordnete Welt mit moralischer Verantwortlichkeit. Chrysippos gilt deshalb häufig als Vorläufer einer kompatibilistischen Position: Äußere Ursachen wirken auf uns ein, doch unsere eigene Beschaffenheit, Zustimmung und Entscheidungsfähigkeit bleiben Bestandteil der Ursache unserer Handlungen.
Aition – Ursache. In der stoischen Philosophie ist eine Ursache etwas Körperliches, das an etwas anderem eine Wirkung hervorbringt.
Ananke – Notwendigkeit. Sie bezeichnet das Unausweichliche und ist vom umfassenderen Begriff des stoischen Schicksals zu unterscheiden.
Aparabatos – „Unausweichlich“ oder „nicht überschreitbar“; Ausdruck für die Unabänderlichkeit bestimmter kausaler Zusammenhänge.
Aprohaireta – Dinge, die außerhalb der eigenen Prohairesis liegen und deshalb nicht unmittelbar dem eigenen moralischen Entscheiden unterstehen.
Chresis ton phantasion – „Gebrauch der Vorstellungen“; vernünftige Fähigkeit, auftretende Eindrücke zu prüfen und angemessen mit ihnen umzugehen.
Determinismus – Auffassung, dass Ereignisse innerhalb einer durchgängigen Ordnung vorausgehender Ursachen stehen.
Disziplin der Zustimmung – Übung darin, Vorstellungen zu prüfen und ihnen nicht vorschnell als wahr oder handlungsleitend zuzustimmen.
Disziplin des Begehrens – Ausrichtung von Wünschen und Abneigungen auf das, was moralisch richtig beurteilt werden kann.
Disziplin des Handelns – Ausrichtung eigener Handlungen an Vernunft, sozialen Beziehungen und Pflichten.
Eigenursache – Eigene innere Beschaffenheit eines Handelnden als mitbestimmender Faktor dafür, wie dieser auf äußere Ursachen reagiert.
Ektos – Das Äußere; Dinge und Ereignisse außerhalb der eigenen unmittelbaren moralischen Verfügung.
Eph’ hemin – „Bei uns“ oder „von uns abhängig“; bezeichnet besonders bei Epiktet den Bereich eigener Urteile und Entscheidungen.
Fatalismus – Auffassung, dass ein Ergebnis unabhängig davon eintrete, was ein Mensch tut. Dies ist nicht identisch mit dem stoischen Determinismus.
Heimarmene – Schicksal als geordnete und ununterbrochene Verkettung von Ursachen.
Kausale Verantwortung – Verantwortlichkeit eines Menschen aufgrund seiner eigenen Beteiligung an der Entstehung einer Handlung.
Kausalkette – Zusammenhang aufeinanderfolgender Ursachen und Wirkungen innerhalb der natürlichen Weltordnung.
Kompatibilismus – Moderne Bezeichnung für die Auffassung, dass kausale Determination und verantwortliches Handeln miteinander vereinbar sein können.
Mitverhängnis – Vorstellung, dass ein Ergebnis und die dafür notwendigen Handlungen gemeinsam Teil derselben Schicksalsordnung sind.
Prohairesis – Vernünftige Entscheidungs- und Wahlfähigkeit; bei Epiktet Kern moralischer Selbstbestimmung und innerer Freiheit.
Prohaireta – Vorgänge oder Entscheidungen, die zur eigenen Prohairesis gehören.
Prokatarktische Ursache – Vorausgehende beziehungsweise auslösende Ursache, die einen Vorgang anstößt, ohne dessen gesamten Verlauf allein zu bestimmen.
Selbstverantwortung – Verantwortung für eigene Urteile, Entscheidungen und Handlungen trotz äußerer Bedingungen.
Synheimarmena – „Mitverhängte“ Dinge; Ereignisse, bei denen Ergebnis und erforderliche Handlung gemeinsam in die Schicksalsordnung eingebunden sind.
Ta eph’ hemin – „Die Dinge, die bei uns liegen“; der Bereich eigener vernünftiger Verfügung.
Ta ouk eph’ hemin – „Die Dinge, die nicht bei uns liegen“; äußere Umstände und Ereignisse, die nicht vollständig unserer Verfügung unterstehen.
Verantwortlichkeit – Möglichkeit, eine Handlung einem Menschen aufgrund seiner eigenen Urteile, Motive und Dispositionen moralisch zuzuschreiben.
Zylinder-Analogie – Chrysippos’ Vergleich: Ein äußerer Stoß setzt einen Zylinder in Bewegung, doch seine eigene Form bestimmt mit, wie er weiterrollt. Damit werden äußere Ursache und innere Verantwortlichkeit zusammengedacht.
Natur, Physik & Kosmos
Für die antike Stoa war Naturphilosophie kein Zusatz zur Ethik. Der Kosmos galt als materielles, lebendiges und rational geordnetes Ganzes. Das körperliche Pneuma durchdringt die Materie und erklärt Zusammenhalt, Leben und psychische Funktionen; Gott und Logos wirken dabei innerhalb der Natur und nicht von außen auf sie ein.
Aer – Luft, eines der vier Elemente und zusammen mit Feuer Bestandteil des aktiven Pneuma.
Äther – Besonders feine beziehungsweise feurige Materie des höheren kosmischen Bereichs.
Aktives Prinzip – Das formende und wirkende Grundprinzip des Kosmos, das mit Gott, Logos und Pneuma verbunden wird.
Apokatastasis – Wiederherstellung beziehungsweise Wiederkehr eines kosmischen Zustands innerhalb zyklischer Vorstellungen.
Arche – Ursprung oder Grundprinzip. Die stoische Physik unterscheidet ein aktives und ein passives Prinzip.
Diakosmesis – Ordnung und strukturierte Ausbildung des Kosmos.
Durchdringung – Fähigkeit körperlicher Substanzen, einander vollständig zu durchdringen; zentral für die stoische Theorie der Mischung.
Ekpyrosis – Kosmischer Weltenbrand, in dem die Welt nach klassisch stoischer Vorstellung in ihren feurigen Ursprung zurückkehrt.
Elemente – Feuer, Luft, Wasser und Erde als grundlegende materielle Erscheinungsformen.
Feuer – Eines der vier Elemente und in seiner schöpferischen Form eng mit dem aktiven kosmischen Prinzip verbunden.
Ge – Erde als eines der vier Elemente und besonders dichter materieller Zustand.
Gott – Vernünftiges und aktives Prinzip des Kosmos, das in der klassischen Stoa innerhalb der Natur wirkt.
Großes Jahr – Kosmischer Zeitraum eines vollständigen Weltzyklus.
Hexis – Zusammenhaltende Disposition beziehungsweise pneumatische Spannung, durch die unbelebte Körper ihre Einheit besitzen.
Hydor – Wasser als eines der vier Elemente.
Hyle – Materie als passives Grundprinzip, das vom aktiven Prinzip strukturiert wird.
Koine Physis – Gemeinsame beziehungsweise universale Natur, in deren Ordnung alle individuellen Naturen eingebettet sind.
Kosmische Vernunft – Rationale Struktur des Weltganzen, die mit dem universalen Logos verbunden wird.
Kosmisches Lebewesen – Vorstellung des gesamten Kosmos als lebendigem, beseeltem und vernünftig organisiertem Ganzen.
Kosmos – Die geordnete Welt als materielles, zusammenhängendes und rational strukturiertes Ganzes.
Krasis – Mischung beziehungsweise Durchmischung körperlicher Substanzen.
Krasis di’ holon – Vollständige Durchmischung, bei der zwei Körper einander durch das Ganze hindurch durchdringen können.
Logos spermatikos – „Samenhafter Logos“; rationale Entwicklungsprinzipien, durch die natürliche Strukturen und Prozesse entstehen.
Materie – Passives stoffliches Grundprinzip, das durch das aktive Prinzip geordnet und bestimmt wird.
Palingenesia – Wiederentstehung beziehungsweise Erneuerung des Kosmos nach einer kosmischen Auflösung.
Passives Prinzip – Unbestimmte Materie als Gegenstück zum aktiven gestaltenden Prinzip.
Periodos – Umlauf oder Zyklus, insbesondere im Zusammenhang mit kosmischen Entwicklungsperioden.
Plenum – Vorstellung des Kosmos als vollständig von Körperlichem erfüllt und ohne innere Leere.
Pneuma – Körperlicher warmer „Atem“ aus Feuer und Luft, der Materie durchdringt, zusammenhält und unterschiedliche Organisationsstufen ermöglicht.
Pneumatische Spannung – Spannung des Pneuma, durch die Zusammenhalt, Eigenschaften, Leben und psychische Funktionen erklärt werden.
Poioun – Das Tätige beziehungsweise Wirkende; Bezeichnung des aktiven Grundprinzips.
Primärmaterie – Ursprüngliche Materie ohne eigene qualitative Bestimmung, bevor sie vom aktiven Prinzip strukturiert wird.
Pronoia – Vorsehung; vernünftige und zweckmäßige Ordnung des Kosmos.
Pyr – Feuer als eines der vier Grundelemente.
Pyr technikon – „Kunstfertiges“ oder schöpferisches Feuer, das als vernünftig gestaltende Naturkraft verstanden wird.
Sympatheia – Wechselseitige Verbundenheit aller Teile des Kosmos aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem einzigen geordneten Ganzen.
Synchysis – Form der Mischung beziehungsweise Verschmelzung, bei der ursprüngliche Bestandteile ihre getrennte Beschaffenheit verlieren.
Synektikon Aition – „Zusammenhaltende Ursache“; insbesondere die Funktion des Pneuma als Ursache der Einheit eines Körpers.
Theos – Griechische Bezeichnung für Gott; in der Stoa eng mit Logos, Natur und dem aktiven kosmischen Prinzip verbunden.
Tonos – Spannung des Pneuma, durch die Einheit und charakteristische Eigenschaften körperlicher Dinge erklärt werden.
Weltenzyklus – Zyklisches Modell von Weltentstehung, Entwicklung, Auflösung und erneuter Entstehung.
Weltseele – Göttlich-rationales Lebensprinzip, das den Kosmos als zusammenhängendes Ganzes organisiert.
Zeus – Göttliche Personifikation der kosmischen Vernunft und Weltordnung in der stoischen Theologie.
Die Stoa ist damit deutlich mehr als praktische Lebenshilfe. Ihre Ethik setzt ein bestimmtes Verständnis von Natur, Kausalität, Materie, Seele und kosmischer Ordnung voraus. Gerade dieser Bereich unterscheidet die historische Stoa stark von vielen modernen Kurzfassungen des Stoizismus.
Zwischenstand der bereinigten Endfassung: 276 von 452 Einträgen.
Als Nächstes kommen Ontologie & Kategorien, Seelenlehre & Psychologie und Gesellschaft, Oikeiosis & Rollen. Danach ist der größte fachwissenschaftliche Teil der Bibliothek abgeschlossen.
Ontologie & Kategorien
Die stoische Ontologie unterscheidet ungewöhnlich scharf zwischen körperlicher Existenz und unkörperlicher Subsistenz. Körper können wirken und Wirkungen erfahren. Daneben erkennen die Stoiker jedoch unkörperliche Entitäten wie Zeit, Ort, Leere und Lekta an. Ihre eigene Kategorienlehre unterscheidet zudem Substrat, Qualität, Disposition und relationale Disposition.
Asomaton – Das Unkörperliche. Zu den klassischen stoischen Unkörperlichen gehören Zeit, Ort, Leere und die Lekta.
Chronos – Zeit als unkörperliche Dimension des kosmischen Geschehens.
Diastema – Ausdehnung oder Intervall, insbesondere im Zusammenhang mit räumlichen und zeitlichen Dimensionen.
Einai – „Sein“ beziehungsweise existieren. Im strengen stoischen Sinn existieren Körper, weil nur sie wirken oder Wirkungen erfahren können.
Etwas – Deutsche Wiedergabe von Ti, der weitesten stoischen Gattung, unter die Körper und bestimmte Unkörperliche fallen.
Existenz – Ontologischer Status körperlicher Dinge innerhalb der stoischen Lehre.
Gegenwärtigkeit – Status des gegenwärtigen Zeitpunkts, der gegenüber Vergangenheit und Zukunft in besonderer Weise aktuell vorliegt.
Hosanei Ti – „Gleichsam etwas“ oder „quasi etwas“; Ausdruck für Universalien und andere begriffliche Gebilde mit problematischem ontologischem Status.
Huparchein – Vorliegen beziehungsweise aktuell der Fall sein; insbesondere in der stoischen Behandlung von Gegenwart und Wahrheit von Bedeutung.
Huphistanai – Subsistieren; Status bestimmter unkörperlicher Entitäten, die nicht im körperlichen Sinn existieren.
Hypokeimenon – Das zugrunde liegende Substrat beziehungsweise die stoffliche Grundlage eines Gegenstandes.
Idios Poion – Das individuell Qualifizierte; die besondere qualitative Bestimmung eines konkreten Individuums.
Inkorporales – Unkörperliche Entität, die nicht kausal wirkt und daher nicht im gleichen Sinn wie ein Körper existiert.
Kenon – Leere; unkörperlicher und unbegrenzter Bereich außerhalb des endlichen Kosmos.
Körper – Dasjenige, was wirken oder eine Wirkung erfahren kann und deshalb im eigentlichen stoischen Sinn existiert.
Körperlichkeit – Eigenschaft, körperlich und damit grundsätzlich kausal wirksam zu sein.
Nicht-Etwas – Bezeichnung für Universalien oder begriffliche Gebilde, denen die Stoiker nicht denselben Status wie konkreten individuellen Dingen zuschreiben.
Ort – Unkörperlicher Bereich, der von einem Körper eingenommen wird.
Poion – Das Qualifizierte; zweite Kategorie der stoischen Kategorienlehre nach dem zugrunde liegenden Substrat.
Pos Echon – „In bestimmter Weise beschaffen“; Kategorie für die konkrete Disposition oder den Zustand eines bereits qualifizierten Gegenstandes.
Pros Ti – Das Relative beziehungsweise auf etwas anderes Bezogene.
Pros Ti Pos Echon – „In Beziehung auf etwas in bestimmter Weise beschaffen“; relationale Kategorie, deren Bestimmung vom Verhältnis zu einem anderen Gegenstand abhängt.
Subsistenz – Ontologischer Status bestimmter unkörperlicher Entitäten, die nicht körperlich existieren, aber dennoch zur stoischen Wirklichkeitsbeschreibung gehören.
Substrat – Materielle Grundlage eines Gegenstandes, an der Qualitäten, Zustände und Relationen auftreten.
Ti – „Etwas“; die weiteste stoische Gattung, die sowohl Körperliches als auch bestimmte unkörperliche Entitäten umfasst.
To Pan – „Das All“; umfassende Gesamtheit von Kosmos und der ihn umgebenden Leere.
Universalie – Allgemeiner Begriff wie „Mensch“, der nach stoischer Auffassung nicht als eigenständiger körperlicher Gegenstand existiert.
Unkörperlichkeit – Eigenschaft dessen, was weder körperlich wirkt noch körperliche Wirkungen empfängt.
Die Besonderheit der stoischen Position liegt darin, dass sie trotz ihres ausgeprägten Korporealismus nicht behauptet, es gebe ausschließlich Körper. Nur Körper existieren im strengen Sinn, doch auch Unkörperliche besitzen einen bestimmten ontologischen Status.
Seelenlehre & Psychologie
Auch die Seele ist für die Stoiker körperlich. Sie besteht aus Pneuma und ist deshalb kausal mit dem Körper verbunden. Beim vernunftbegabten Menschen bildet das Hegemonikon das leitende Zentrum, in dem Vorstellungen verarbeitet, Zustimmung erteilt und Handlungsimpulse hervorgebracht werden. Die stoische Seelenlehre ist dabei stark monistisch: Emotionen und Wünsche stammen nicht aus einer grundsätzlich irrationalen Gegenseele, sondern hängen selbst mit rationalen Urteilen zusammen.
Alogos – Nichtvernünftig; bezeichnet Lebewesen beziehungsweise Funktionen ohne die spezifisch menschliche Fähigkeit rationaler Zustimmung.
Apraxia – Handlungslosigkeit; insbesondere als Problem einer völligen Enthaltung von Zustimmung philosophisch relevant.
Charakterdisposition – Relativ stabile innere Beschaffenheit, die beeinflusst, wie ein Mensch Vorstellungen beurteilt und auf Situationen reagiert.
Hegemonikon – Das leitende Vermögen der Seele, in dem Wahrnehmung, Vorstellung, Zustimmung, Impuls und rationales Denken zusammenlaufen.
Impulsvermögen – Fähigkeit der Seele, aufgrund einer Vorstellung und ihrer Bewertung einen Handlungsimpuls hervorzubringen.
Innerer Diskurs – Gedankliche Verarbeitung von Vorstellungen, durch die ein vernünftiger Mensch prüft, urteilt und entscheidet.
Kardiale Seelenlehre – Stoische Auffassung, das Hegemonikon sei im Bereich des Herzens beziehungsweise der Brust lokalisiert.
Körperliche Seele – Stoische Lehre, dass die Seele selbst ein Körper ist, weil sie auf den Körper einwirkt und von ihm beeinflusst wird.
Logikos – Vernunftbegabt; Eigenschaft eines Wesens, das rationale Vorstellungen bilden und bewusst Zustimmung erteilen kann.
Monistische Seelenlehre – Auffassung, dass Denken, Wollen, Impulse und Emotionen Funktionen einer grundsätzlich einheitlichen Seele sind.
Naturpneuma – Pneuma auf der Stufe der Physis, das Wachstum, Ernährung und andere vegetative Lebensvorgänge organisiert.
Psyche – Seele als körperliches Pneuma, das bei Tieren Wahrnehmung und Bewegung und beim Menschen zusätzlich vernünftige Fähigkeiten ermöglicht.
Rationale Seele – Menschliche Seele mit der Fähigkeit zu begrifflichem Denken, vernünftiger Zustimmung und bewusster Entscheidung.
Rationales Pneuma – Pneuma auf jener Organisationsstufe, die spezifisch menschliche rationale Funktionen ermöglicht.
Seelenpneuma – Pneuma als Träger von Wahrnehmung, Impuls und psychischer Aktivität.
Seelenspannung – Spannungszustand des Pneuma, der Einheit und Funktionsfähigkeit der Seele mitbestimmt.
Sinnesvermögen – Fähigkeit der Seele, Eindrücke über die Sinnesorgane aufzunehmen.
Sprachvermögen – Fähigkeit des Menschen, rationale Bedeutungsinhalte sprachlich auszudrücken.
Vernunftvermögen – Fähigkeit, Vorstellungen begrifflich zu erfassen, zu prüfen, Schlüsse zu ziehen und Entscheidungen zu treffen.
Zustimmungsvermögen – Fähigkeit, einer rationalen Vorstellung zuzustimmen, sie abzulehnen oder das Urteil zurückzuhalten.
Die Abstufung des Pneuma ist dafür zentral: In unbelebten Körpern sorgt es als Hexis für Zusammenhalt, in Pflanzen als Physis für Lebensprozesse und in Tieren als Psyche zusätzlich für Wahrnehmung und Impuls. Beim Menschen kommen rationale Fähigkeiten hinzu.
Gesellschaft, Oikeiosis & Rollen
Stoische Ethik endet nicht beim Individuum. Der Mensch besitzt nach stoischer Auffassung eine soziale Natur, und die Oikeiosis beschreibt, wie sich ursprüngliche Selbstzugehörigkeit zu immer umfassenderen Beziehungen entwickeln kann. Daraus ergeben sich Vorstellungen von Gerechtigkeit, sozialen Rollen, Kosmopolitismus und Verantwortung gegenüber anderen Menschen.
Anthropine Koinonia – Menschliche Gemeinschaft als natürliche Verbindung vernunftbegabter und sozialer Wesen.
Brüderlichkeit – Vorstellung grundlegender menschlicher Verbundenheit aufgrund der gemeinsamen Vernunftnatur.
Caritas sui – Lateinische Bezeichnung für natürliche Selbstzuneigung beziehungsweise ursprüngliche Hinwendung zur eigenen Erhaltung.
Conciliatio – Lateinische Wiedergabe von Oikeiosis im Sinn von Aneignung, Zugehörigkeit oder natürlicher Verbundenheit.
Familiäre Oikeiosis – Ausweitung natürlicher Verbundenheit auf Kinder, Eltern und andere nahe Angehörige.
Gemeinwohl – Wohl der Gemeinschaft als legitimer Bezugspunkt vernünftigen und gerechten Handelns.
Hierokleische Kreise – Modell konzentrischer Zugehörigkeitskreise vom eigenen Selbst über Familie und Gemeinschaft bis zur gesamten Menschheit.
Homonoia – Eintracht beziehungsweise vernünftige Übereinstimmung innerhalb einer Gemeinschaft.
Koinonia – Gemeinschaft, Teilhabe oder soziale Verbundenheit.
Konstitutionsbewusstsein – Wahrnehmung der eigenen natürlichen Beschaffenheit als Grundlage der ursprünglichen Selbstzugehörigkeit.
Kosmopolis – Vorstellung der Welt beziehungsweise der Gemeinschaft vernunftbegabter Wesen als gemeinsamer „Weltstadt“.
Kosmopolites – Weltbürger, der sich als Mitglied einer umfassenden menschlichen Gemeinschaft versteht.
Kosmopolitismus – Auffassung, dass alle Menschen aufgrund gemeinsamer Vernunft Teil einer universalen moralischen Gemeinschaft sind.
Natürliche Zuneigung – Ursprüngliche Verbundenheit mit sich selbst und nahestehenden Menschen, aus der weitergehende soziale Verantwortlichkeit entstehen kann.
Oikeiosis – Prozess der natürlichen Zugehörigkeit, durch den ein Lebewesen zunächst sich selbst und später auch andere als seiner Sorge zugehörig erkennt.
Oikeiotes – Zugehörigkeit, Vertrautheit oder Verbundenheit, die durch Oikeiosis entsteht.
Oikeiousthai – Etwas als zu sich gehörig beziehungsweise mit sich verbunden wahrnehmen.
Philallelia – Gegenseitige Zuneigung und Verbundenheit zwischen Menschen.
Philanthropia – Menschenfreundlichkeit und wohlwollende Haltung gegenüber anderen.
Polis – Politische Gemeinschaft oder Stadtstaat; zugleich wichtiger Ausgangspunkt der stoischen Erweiterung hin zur Kosmopolis.
Prosopon – Rolle oder Person; bezeichnet den Platz beziehungsweise die Funktion, aus der sich bestimmte angemessene Handlungen ergeben können.
Prote Horme – Der „erste Impuls“ eines Lebewesens, der nach stoischer Theorie auf die Bewahrung der eigenen natürlichen Konstitution gerichtet ist.
Proton Oikeion – Das „zuerst Eigene“; die eigene Konstitution als ursprünglicher Gegenstand natürlicher Zugehörigkeit.
Rollenethik – Erklärung angemessener Handlungen anhand der verschiedenen natürlichen, sozialen und persönlichen Rollen eines Menschen.
Rollenpflicht – Angemessenes Verhalten, das sich aus einer bestimmten Rolle oder Beziehung ergibt.
Selbsterhaltung – Natürliche Tendenz eines Lebewesens, seine eigene Konstitution zu erhalten.
Selbstzugehörigkeit – Ursprüngliche Beziehung eines Lebewesens zu seiner eigenen Konstitution als etwas ihm Eigenem.
Soziale Natur – Stoische Auffassung, dass Menschen von Natur aus auf Gemeinschaft und vernünftige Kooperation ausgerichtet sind.
Soziale Oikeiosis – Erweiterung der ursprünglichen Selbstzugehörigkeit auf andere Menschen und schließlich auf die gesamte Menschheit.
Suneidesis – Bewusstsein beziehungsweise Wahrnehmung der eigenen Konstitution im Zusammenhang mit ursprünglicher Oikeiosis.
Sustasis – Natürliche Konstitution oder organisierte Beschaffenheit eines Lebewesens.
Syngeneia – Verwandtschaft beziehungsweise natürliche Zusammengehörigkeit, insbesondere aufgrund gemeinsamer Vernunft.
Vier-Rollen-Lehre – Besonders mit Panaitios verbundene Lehre, nach der allgemeine Menschennatur, persönliche Eigenschaften, Lebensumstände und individuelle Entscheidungen für angemessenes Handeln berücksichtigt werden.
Weltbürger – Mensch, der seine moralische Zugehörigkeit über lokale oder politische Grenzen hinaus auf die gesamte Menschheit ausweitet.
Die soziale Dimension ist wichtig, weil sie ein häufiges modernes Missverständnis korrigiert: Stoizismus ist keine Philosophie radikaler Vereinzelung. Selbstbeherrschung und innere Freiheit stehen innerhalb der klassischen Stoa neben Gerechtigkeit, Rollenpflichten und der Zugehörigkeit zu einer umfassenden menschlichen Gemeinschaft.
Die Stoa versteht Philosophie nicht als bloßes Wissen, sondern als praktische Einübung einer vernünftigen Lebensweise. Grundsätze müssen erinnert, geprüft und im Alltag angewandt werden. Einige heute gebräuchliche Bezeichnungen sind modern, beruhen aber auf klar erkennbaren antiken Übungen.
Abendreflexion – Rückblick auf das eigene Verhalten am Ende des Tages, um Urteile, Entscheidungen und Handlungen kritisch zu prüfen.
Askesis – Philosophisches Training beziehungsweise praktische Einübung einer vernünftigen und tugendhaften Lebensführung.
Aufmerksamkeit – Bewusste Wachsamkeit gegenüber eigenen Vorstellungen, Werturteilen, Impulsen und Handlungen.
Dogma – Philosophischer Grundsatz oder Lehrsatz, der nicht nur theoretisch verstanden, sondern praktisch verinnerlicht werden soll.
Einübung – Wiederholte Anwendung philosophischer Prinzipien, durch die vernünftiges Verhalten zunehmend zu einer stabilen Haltung wird.
Enkrateia – Selbstbeherrschung und Fähigkeit, unmittelbaren Begierden oder Impulsen nicht unkontrolliert zu folgen.
Erinnerungsübung – Bewusstes Wiederaufrufen philosophischer Grundsätze, damit sie in konkreten Situationen verfügbar bleiben.
Freiwilliger Verzicht – Bewusste Einschränkung von Komfort oder Konsum, um Abhängigkeiten von äußeren Dingen zu prüfen und Selbstbeherrschung zu trainieren.
Gedankenprüfung – Untersuchung eines Eindrucks darauf, was tatsächlich gegeben ist und welche zusätzliche Bewertung der eigene Geist hinzugefügt hat.
Habituation – Ausbildung stabiler Verhaltensweisen und Haltungen durch regelmäßige Wiederholung und Übung.
Homologoumenos te physei zen – „In Übereinstimmung mit der Natur leben“; eine zentrale Formulierung des stoischen Lebensziels.
Homologoumenos zen – „In Übereinstimmung leben“; frühe Formel für ein vernünftiges und in sich widerspruchsfreies Leben.
Hupomnemata – Persönliche Aufzeichnungen und Gedächtnisstützen, mit denen philosophische Gedanken festgehalten, wiederholt und auf das eigene Leben bezogen werden.
Hypexairesis – Vorbehalt bei einer Handlung: Ein vernünftiges Ziel wird verfolgt, sofern äußere Umstände seine Verwirklichung zulassen.
Innere Vorbereitung – Geistige Vorbereitung auf Situationen, in denen eigene Urteile, Wünsche oder Reaktionen besonders herausgefordert werden könnten.
Kephalaia – Philosophische Kernpunkte oder Grundsätze, die geistig unmittelbar verfügbar gehalten werden sollen.
Lebenskohärenz – Übereinstimmung von Überzeugungen, Werturteilen und tatsächlichem Handeln nach einheitlichen vernünftigen Prinzipien.
Melete – Geistige Übung, Meditation oder wiederholte Beschäftigung mit philosophischen Gedanken.
Memento Mori – „Bedenke, dass du sterben musst.“ Spätere lateinische Formel der Todeserinnerung; eng mit stoischer Praxis verbunden, aber kein ursprünglicher Fachbegriff der frühen Stoa.
Negative Visualisierung – Moderne Bezeichnung für das gedankliche Vorstellen möglicher Verluste oder Widrigkeiten, um Abhängigkeiten und Werturteile bewusster wahrzunehmen.
Philosophische Selbstprüfung – Systematische Untersuchung des eigenen Urteilens und Handelns anhand philosophischer Maßstäbe.
Praemeditatio – Vorausbedenken möglicher Situationen und Schwierigkeiten, um ihnen geistig vorbereitet begegnen zu können.
Premeditatio Malorum – Spätere lateinische Bezeichnung für das Vorausbedenken möglicher Widrigkeiten und Verluste; die zugrunde liegende Übung besitzt antike Vorläufer.
Procheiron – „Zur Hand“ beziehungsweise unmittelbar verfügbar; philosophische Grundsätze sollen so präsent sein, dass sie im entscheidenden Moment angewandt werden können.
Prosoche – Fortwährende Aufmerksamkeit auf eigene Vorstellungen, Urteile und Handlungen; ein zentraler Begriff philosophischer Wachsamkeit.
Reserveklausel – Moderne Bezeichnung für Handeln unter Vorbehalt: Ein Ziel wird verfolgt, ohne dessen äußeren Erfolg vollständig kontrollieren zu wollen.
Selbstprüfung – Kritische Betrachtung eigener Entscheidungen, Werturteile und Handlungen mit dem Ziel philosophischen Fortschritts.
Tagesreflexion – Regelmäßige Betrachtung bevorstehender oder vergangener Handlungen im Licht philosophischer Grundsätze.
Todesmeditation – Bewusste Reflexion über die eigene Sterblichkeit, um Prioritäten und Werturteile zu überprüfen.
View from Above – Moderne Bezeichnung für einen Perspektivwechsel, bei dem das eigene Leben aus großer räumlicher und zeitlicher Distanz betrachtet wird.
Vorausbedenken – Geistiges Durchspielen möglicher zukünftiger Schwierigkeiten, bevor sie tatsächlich eintreten.
Zeit, Tod & Vergänglichkeit
Tod und Vergänglichkeit sind für die Stoiker keine morbiden Themen. Sie dienen vielmehr dazu, äußere Dinge richtig einzuordnen und die begrenzte Lebenszeit vernünftig zu nutzen.
Augenblick – Der gegenwärtige Moment als unmittelbarer Bereich des eigenen Urteilens und Handelns.
Endlichkeit – Begrenztheit des individuellen Lebens und aller vergänglichen körperlichen Dinge.
Gegenwart – Der aktuell verfügbare Zeitpunkt, in dem vernünftiges Handeln tatsächlich möglich ist.
Lebensdauer – Zeitspanne eines individuellen Lebens, deren Länge für die moralische Qualität eines Menschen nicht entscheidend ist.
Lebenszeit – Begrenzte Zeit, die einem Menschen zur Verfügung steht und deshalb vernünftig genutzt werden sollte.
Metabole – Veränderung oder Wandel als grundlegendes Merkmal der körperlichen Welt.
Sterblichkeit – Natürliche Eigenschaft des menschlichen Lebens, irgendwann zu enden.
Tod – Natürliches Ereignis und nach stoischer Wertlehre kein moralisches Übel, sondern ein Indifferentes.
Vergänglichkeit – Tatsache, dass Körper, Besitz, Beziehungen und äußere Lebensumstände beständigem Wandel unterliegen.
Wandel – Fortlaufende Veränderung natürlicher und menschlicher Zustände als Bestandteil der Weltordnung.
Stoiker & relevante Personen
Die Geschichte der Stoa reicht über mehr als fünf Jahrhunderte. Neben Zenon, Seneca, Epiktet und Marc Aurel wirkten zahlreiche Philosophen an der Entwicklung ihrer Ethik, Logik und Naturphilosophie mit.
Antipatros von Tarsos – Bedeutender Stoiker des 2. Jahrhunderts v. Chr. und Leiter der Schule nach Diogenes von Babylon.
Apollodoros von Seleukeia – Stoischer Philosoph der nachchrysippeischen Tradition, der insbesondere mit Ethik und Naturphilosophie verbunden wird.
Archedemos von Tarsos – Stoischer Philosoph des 2. Jahrhunderts v. Chr., der die stoische Lehre außerhalb Athens weitertrug.
Ariston von Chios – Früher Schüler Zenons, der die Ethik besonders stark hervorhob und in mehreren Punkten von der späteren Hauptlinie der Stoa abwich.
Arrian – Schüler Epiktets, dessen Aufzeichnungen die wichtigste Grundlage für unsere Kenntnis von Epiktets Lehre bilden.
Athenodoros Kananites – Stoischer Philosoph des 1. Jahrhunderts v. Chr., der unter anderem als Lehrer und Berater im Umfeld des Augustus wirkte.
Athenodoros Kordylion – Stoischer Philosoph aus Tarsos, der später im Umfeld Catos des Jüngeren lebte.
Boethos von Sidon – Stoischer Philosoph, der in einzelnen Fragen der Kosmologie und Theologie von älteren stoischen Positionen abwich.
Chairemon von Alexandria – Stoischer Philosoph, Gelehrter und Priester des 1. Jahrhunderts n. Chr.
Chrysippos von Soloi – Dritter Leiter der Stoa und entscheidender Systematiker ihrer Logik, Erkenntnistheorie, Ethik und Physik.
Cleomedes – Stoisch geprägter antiker Philosoph und Astronom, dessen erhaltene Texte Einblicke in stoische Kosmologie vermitteln.
Cornutus – Römischer Stoiker des 1. Jahrhunderts n. Chr., Lehrer und philosophischer Autor mit besonderem Interesse an Sprache und Theologie.
Dardanus von Athen – Stoischer Philosoph und Vertreter der athenischen Schule im 1. Jahrhundert v. Chr.
Diodotos – Stoischer Philosoph, der längere Zeit bei Cicero lebte und ihn philosophisch unterrichtete.
Diogenes von Babylon – Bedeutender Leiter der Stoa im 2. Jahrhundert v. Chr. und Teilnehmer der bekannten Philosophengesandtschaft nach Rom.
Epiktet – Römischer Stoiker, der Prohairesis, innere Freiheit und den vernünftigen Umgang mit Vorstellungen in den Mittelpunkt seiner Lehre stellte.
Hekaton von Rhodos – Stoischer Philosoph, der insbesondere mit Fragen der Ethik, Pflichten und zwischenmenschlichen Beziehungen verbunden wird.
Herillos von Karthago – Früher Schüler Zenons, der eine vom späteren stoischen Mainstream abweichende Auffassung des höchsten Lebensziels vertrat.
Hierokles – Stoischer Philosoph der Kaiserzeit, besonders bekannt für seine Ausführungen zu Oikeiosis und sozialen Beziehungen.
Junius Rusticus – Römischer Stoiker und Lehrer Marc Aurels, der dessen philosophische Entwicklung maßgeblich beeinflusste.
Kleanthes von Assos – Nachfolger Zenons als Leiter der Stoa und bedeutender Vertreter ihrer frühen Theologie und Kosmologie.
Marc Aurel – Römischer Kaiser und Stoiker, dessen persönliche Reflexionen zu den wichtigsten Zeugnissen praktischer stoischer Selbstführung gehören.
Mnesarchos – Stoischer Philosoph und Vertreter der athenischen Schule in der Zeit nach Panaitios.
Musonius Rufus – Römischer Stoiker und Lehrer Epiktets, der Philosophie konsequent als praktische Lebensführung verstand.
Panaitios von Rhodos – Bedeutender Vertreter der Mittleren Stoa, der besonders praktische Ethik, soziale Rollen und Pflichten weiterentwickelte.
Persaios von Kition – Schüler und enger Mitarbeiter Zenons und damit Vertreter der ersten Generation der Stoa.
Poseidonios – Vielseitiger Stoiker der Mittleren Stoa mit Arbeiten zu Naturphilosophie, Psychologie, Kosmologie und Geschichte.
Seneca – Römischer Stoiker, Politiker und Schriftsteller, der stoische Ethik auf zahlreiche konkrete Probleme menschlicher Lebensführung anwandte.
Sphairos von Borysthenes – Schüler des Kleanthes und Vertreter der frühen Stoa mit Interessen unter anderem an Ethik und Erkenntnistheorie.
Zenon von Kition – Begründer der Stoa, der um 300 v. Chr. in Athen zu lehren begann und die Grundlagen des stoischen Systems entwickelte.
Zenon von Tarsos – Nachfolger des Chrysippos als Leiter der Stoa und wichtiger Vertreter der nachchrysippeischen Generation.
Moderner Stoizismus
Diese letzte Gruppe ist bewusst von der antiken Fachsprache getrennt. Die Begriffe sind keine ursprünglichen Termini der klassischen Stoa, werden heute aber häufig verwendet, um stoische Prinzipien auf Psychologie, Selbstführung und moderne Lebensprobleme zu übertragen.
Achtsamkeit – Bewusste Aufmerksamkeit auf gegenwärtige Gedanken und Wahrnehmungen; besitzt Berührungspunkte mit stoischer Prosoche, stammt als moderner Begriff jedoch nicht aus der Stoa.
Akzeptanz – Anerkennung einer gegebenen Realität, besonders dort, wo ein äußerer Sachverhalt nicht unmittelbar verändert werden kann.
Amor Fati – „Liebe zum Schicksal“; später geprägte Formel, die mit stoischer Schicksalsannahme verwandt ist, aber kein klassischer stoischer Fachbegriff.
Cognitive Distancing – Psychologisches Distanzieren von Gedanken, sodass sie zunächst als mentale Vorgänge und nicht automatisch als Tatsachen behandelt werden.
Dichotomie der Kontrolle – Moderne Bezeichnung für die aus Epiktet abgeleitete Unterscheidung zwischen dem, was von uns abhängt, und dem, was nicht vollständig von uns abhängt.
Emotionsregulation – Psychologischer Begriff für die bewusste oder unbewusste Beeinflussung von Entstehung, Intensität und Ausdruck emotionaler Reaktionen.
Frustrationstoleranz – Fähigkeit, Enttäuschungen und unerfüllte Erwartungen auszuhalten, ohne impulsiv oder destruktiv zu reagieren.
Innere Freiheit – Freiheit des eigenen Urteilens und Entscheidens innerhalb äußerer Bedingungen; eng mit Epiktets Verständnis der Prohairesis verwandt.
Innere Ruhe – Zustand geringer innerer Unruhe; häufiges modernes Ziel stoisch inspirierter Praxis, aber kein eigener technischer Begriff der klassischen Stoa.
Journaling – Regelmäßiges schriftliches Reflektieren über Gedanken, Entscheidungen und Erfahrungen; modern benannt, aber mit antiken Formen philosophischer Selbstaufzeichnung vergleichbar.
Kognitive Neubewertung – Psychologische Strategie, bei der die Bedeutung einer Situation neu beurteilt wird; besitzt deutliche Parallelen zur stoischen Bedeutung von Werturteilen.
Kontrollbereich – Moderne Bezeichnung für den Bereich eigener Entscheidungen, Urteile und Handlungen.
Locus of Control – Psychologisches Konzept darüber, wo Menschen Einfluss und Ursachen von Ereignissen verorten; mit stoischen Kontrollgedanken vergleichbar, aber unabhängig davon entwickelt.
Mindset – Moderner Begriff für relativ stabile Denk- und Bewertungsmuster; kein Begriff der antiken Stoa.
Reframing – Veränderung des gedanklichen Bezugsrahmens, um eine Situation anders zu bewerten.
Resilienz – Fähigkeit, Belastungen zu bewältigen, sich an schwierige Bedingungen anzupassen und psychische Stabilität zurückzugewinnen.
Selbstdisziplin – Fähigkeit, kurzfristige Wünsche zugunsten längerfristiger Ziele und Grundsätze zu kontrollieren.
Selbstführung – Bewusste Steuerung eigener Entscheidungen, Aufmerksamkeit und Handlungen.
Selbstreflexion – Untersuchung eigener Gedanken, Werturteile und Verhaltensweisen mit dem Ziel besserer Selbsterkenntnis und Selbststeuerung.
Selbstregulation – Fähigkeit, Emotionen, Aufmerksamkeit und Verhalten bewusst an Zielen oder Prinzipien auszurichten.
Stressbewältigung – Strategien und Fähigkeiten zum konstruktiven Umgang mit psychischen und körperlichen Belastungen.
Ungewissheitstoleranz – Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, ohne vorschnell Gewissheit erzwingen oder irrational reagieren zu müssen.
Hinweis
Nicht alle hier aufgeführten Begriffe stammen als technische Fachbegriffe aus der antiken Stoa. Moderne oder später entstandene Bezeichnungen werden entsprechend gekennzeichnet und dienen dazu, historisch stoische Gedanken in ihrem heutigen Verwendungskontext einzuordnen.
