Warum sollte ein Mensch sich um andere kümmern?
Die Stoiker beantworteten diese Frage nicht zuerst mit einem moralischen Gebot.
Sie begannen früher.
Beim Lebewesen selbst.
Ein Tier versucht Verletzungen zu vermeiden, Nahrung zu finden und seinen eigenen Zustand zu bewahren. Ein Mensch tut zunächst etwas Ähnliches. Doch mit der Entwicklung der Vernunft verändert sich, was ihm als „zugehörig“ erscheint.
Er erkennt nicht nur sich selbst als etwas, für das er Sorge trägt.
Familie, Mitmenschen und schließlich die menschliche Gemeinschaft treten ebenfalls in seinen moralischen Horizont.
Für diesen Prozess verwendeten die Stoiker einen schwer übersetzbaren Begriff:
oikeiōsis.
Er gehört zu den wichtigsten Grundlagen stoischer Ethik. Denn er soll erklären, wie aus natürlicher Selbstbezogenheit soziale Verantwortung entstehen kann, ohne dass die Stoa den Menschen entweder zum Egoisten oder zum selbstlosen Opfer erklären muss.
Reife beginnt dort, wo du erkennst, dass dein eigenes Leben nicht das einzige ist, für das deine Vernunft Verantwortung trägt.
CRIXUS AUREXNO
Was bedeutet Oikeiosis?
Das griechische oikeiōsis lässt sich nicht mit einem einzigen deutschen Wort vollständig wiedergeben.
Der Begriff hängt mit oikeios zusammen: etwas, das zu einem gehört, vertraut, eigen, verwandt oder angemessen ist.
Gemeint ist ein Prozess, durch den etwas als zugehörig erkannt und entsprechend behandelt wird.
Deshalb finden sich Übersetzungen wie:
Aneignung,
Zueignung,
Vertrautwerden,
Zugehörigmachen,
Affiliation,
oder natürliche Verbundenheit.
Keine davon trifft den Begriff vollkommen.
Cambridge beschreibt oikeiōsis sinngemäß als das Erkennen und Wertschätzen von etwas als „zu einem gehörig“. Der Begriff bezeichnet also nicht bloß Besitz, sondern eine normative Beziehung: Etwas erscheint uns als etwas, dessen Erhaltung oder Wohlergehen uns betrifft.
Am Anfang steht das eigene Lebewesen
Die klassische Darstellung beginnt bei der Selbsterhaltung.
Diogenes Laertios berichtet unter Berufung auf Chrysipp, dass der erste Impuls eines Lebewesens auf seine eigene Erhaltung gerichtet sei.
Die Natur, so die stoische Vorstellung, macht das Lebewesen von Beginn an mit seiner eigenen Verfassung vertraut.
Es empfindet das, was seiner Konstitution entspricht, als zugehörig.
Was ihm schadet, wird gemieden.
Was seinem Zustand dient, wird gesucht.
Das ist zunächst keine Moraltheorie.
Ein Tier braucht keine philosophische Einsicht, um Nahrung zu suchen oder Gefahr zu vermeiden.
Die Stoiker wollten vielmehr zeigen:
Selbsterhaltung ist kein später erlernter Egoismus, sondern Bestandteil natürlicher Orientierung.
Das Lebewesen steht nicht gleichgültig zu sich selbst.
Oikeiosis beginnt deshalb nicht mit Selbstlosigkeit
Das ist wichtig, weil stoische Ethik häufig so dargestellt wird, als müsse der Mensch seine eigenen Interessen überwinden und sich vollständig dem Ganzen unterordnen.
So beginnt die Theorie gerade nicht.
Der Ausgangspunkt ist das eigene Selbst.
Der eigene Körper.
Die eigene Konstitution.
Das eigene Überleben.
Die eigene Entwicklung.
Die Stoa betrachtet diese Selbstbezogenheit zunächst als natürlich.
Doch beim Menschen bleibt sie nicht dort stehen.
Genau hier kommt die Vernunft ins Spiel.
Beim Menschen verändert Vernunft den Maßstab
Ein Mensch besitzt aus stoischer Sicht nicht nur körperliche Bedürfnisse.
Er besitzt Vernunft.
Mit zunehmender Entwicklung beginnt er deshalb zu verstehen, dass Gesundheit, Nahrung, Sicherheit und körperliche Unversehrtheit zwar naturgemäß bevorzugt werden können, aber noch nicht das höchste Gut darstellen.
Die menschliche Natur verlangt mehr.
Sie verlangt vernünftiges Urteil.
Und damit Tugend.
Stanford beschreibt diesen Entwicklungsprozess so: Was einem Menschen zunächst als naturgemäß erscheint, erweitert sich mit seiner Entwicklung. Aus der Orientierung an elementaren Dingen wie Nahrung oder körperlicher Erhaltung entsteht eine Orientierung an sozialen Beziehungen und schließlich an der Vervollkommnung der eigenen vernünftigen Natur.
Oikeiosis erklärt deshalb nicht nur, warum Menschen sich erhalten wollen.
Sie erklärt auch, warum ihr Verständnis dessen, was ihnen wirklich entspricht, reifer werden kann.
Was zunächst gut erscheint, ist nicht das höchste Gut
Hier verbindet sich Oikeiosis mit einer anderen zentralen stoischen Unterscheidung.
Gesundheit ist naturgemäß.
Krankheit ist gewöhnlich nicht naturgemäß.
Sicherheit wird normalerweise bevorzugt.
Verletzung wird normalerweise vermieden.
Doch Gesundheit ist deshalb noch keine Tugend.
Und Krankheit noch kein moralisches Übel.
Der Mensch lernt im Verlauf seiner vernünftigen Entwicklung, zwischen bevorzugten äußeren Dingen und dem tatsächlich Guten zu unterscheiden.
Das höchste Gut liegt für die Stoiker nicht im bloßen Überleben.
Es liegt in der vollkommenen Entfaltung der vernünftigen Natur.
Deshalb kann ein Mensch unter bestimmten Umständen sogar bereit sein, Gesundheit, Besitz oder Sicherheit aufzugeben, wenn die Tugend es verlangt.
Oikeiosis beginnt bei Selbsterhaltung.
Sie endet nicht dort.
Die soziale Dimension beginnt sehr früh
Die zweite große Seite der Theorie betrifft andere Menschen.
Hier wird die stoische Ethik besonders interessant.
Cicero überliefert in De Finibus die stoische Vorstellung, dass die Zuneigung von Eltern zu ihren Kindern von Natur aus entsteht.
Die soziale Bindung wird also nicht erst aus einem abstrakten moralischen Gesetz abgeleitet.
Sie besitzt einen natürlichen Ausgangspunkt.
Vom Verhältnis zwischen Eltern und Kindern führt die Argumentation weiter zur grundsätzlichen sozialen Verbundenheit zwischen Menschen.
Oxford beschreibt diese soziale Entwicklung als einen zentralen Bestandteil stoischer Oikeiosis: lokale Bindungen und besondere Beziehungen stehen nicht im Gegensatz zur allgemeinen Verwandtschaft aller vernunftbegabten Menschen.
Das ist der entscheidende Schritt.
Was zunächst nur „mein“ Körper war, wird erweitert.
Mein Kind.
Meine Familie.
Meine Gemeinschaft.
Andere Menschen.
Schließlich die Menschheit.
Oikeiosis bedeutet eine Erweiterung dessen, was uns angeht
Die Entwicklung lässt sich vereinfacht so darstellen:
| Entwicklung | Was als „zugehörig“ erkannt wird | Ethische Folge |
|---|---|---|
| frühes Lebewesen | eigene Konstitution | Selbsterhaltung |
| soziales Lebewesen | Nachwuchs und Nahestehende | Fürsorge |
| vernünftiger Mensch | soziale Beziehungen | Pflichten gegenüber anderen |
| philosophisch Reifender | alle vernunftbegabten Menschen | Gerechtigkeit und Gemeinschaft |
| stoisches Ideal | eigene Vernunft im Verhältnis zum Ganzen | tugendhaftes Leben |
Wichtig ist dabei:
Diese Stufen sind kein einfacher biologischer Automatismus.
Nicht jeder Mensch entwickelt automatisch universelle Gerechtigkeit.
Die menschliche Vernunft eröffnet diese Möglichkeit.
Sie muss aber ausgebildet werden.
Die Theorie versucht Egoismus und Moral zu verbinden
Damit beantworteten die Stoiker ein altes philosophisches Problem.
Warum sollte ein Mensch jemals gegen seinen unmittelbaren Vorteil handeln?
Wenn jedes Lebewesen zuerst auf Selbsterhaltung ausgerichtet ist, scheint Egoismus naheliegend.
Doch die Stoa verändert die Bedeutung des Selbstinteresses.
Der vernünftig entwickelte Mensch erkennt, dass er kein isoliertes Wesen ist.
Er ist Teil von Beziehungen.
Teil einer Gemeinschaft.
Teil einer vernünftigen menschlichen Natur.
Damit verändert sich auch das, was als „eigenes Interesse“ verstanden wird.
Ungerechtigkeit gegen andere kann kurzfristig nützlich erscheinen.
Für einen Stoiker kann sie dennoch niemals wirklich gut für den Handelnden sein.
Denn sie beschädigt genau jene vernünftige und soziale Natur, deren Vollendung sein eigentliches Gut darstellt.
Verantwortung entsteht deshalb nicht gegen die Natur
Das ist eine der stärksten Ideen der Oikeiosis-Lehre.
Die Stoa sagt nicht:
Der Mensch ist natürlicherweise egoistisch, muss aber durch Moral gezwungen werden, altruistisch zu handeln.
Sie versucht vielmehr zu zeigen:
Die soziale Dimension gehört selbst zur menschlichen Natur.
Unsere Fähigkeit zur Vernunft macht uns fähig, Beziehungen über unmittelbare Selbstinteressen hinaus zu verstehen.
Aus natürlicher Selbstsorge kann deshalb vernünftige Sorge für andere entstehen.
Nicht weil das eigene Selbst wertlos wird.
Sondern weil das Selbst erkennt, dass es Teil eines größeren sozialen Zusammenhangs ist.
Hierokles und die berühmten Kreise
Besonders bekannt ist in diesem Zusammenhang der spätere Stoiker Hierokles, vermutlich aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.
Er beschreibt den Menschen im Mittelpunkt mehrerer konzentrischer Kreise.
Im innersten Bereich steht das eigene Selbst.
Darauf folgen engste Familienmitglieder.
Weitere Verwandte.
Nachbarn.
Mitbürger.
Menschen aus derselben Region.
Und schließlich die gesamte Menschheit.
Die philosophische Aufgabe besteht darin, die weiter entfernten Kreise gedanklich näher an das Zentrum heranzuziehen.
Fremde sollen uns weniger fremd werden.
Der Oxford Classical Dictionary beschreibt Hierokles entsprechend als wichtigen Vertreter der stoischen Ethik, dessen erhaltene Texte sowohl Oikeiosis als auch die Erweiterung menschlicher Fürsorge behandeln.
Aber die Kreise sind nicht einfach „die Oikeiosis-Grafik“
Hier ist eine wissenschaftliche Präzisierung wichtig.
Heute werden Hierokles‘ konzentrische Kreise häufig direkt als bildliche Darstellung der Oikeiosis bezeichnet.
Das ist verständlich.
Ganz eindeutig ist diese Gleichsetzung jedoch nicht.
Eine neuere Untersuchung in Oxford Studies in Ancient Philosophy argumentiert, dass das Kreismodell genauer als Darstellung angemessener sozialer Handlungen und abgestufter Pflichten gelesen werden sollte und nicht einfach als Illustration der gesamten Oikeiosis-Theorie.
Die Verbindung ist dennoch eng.
Beide Gedanken beruhen auf derselben stoischen Grundidee:
Menschen stehen nicht als isolierte Individuen nebeneinander.
Sie befinden sich in natürlichen und sozialen Beziehungen, aus denen unterschiedliche Verantwortlichkeiten entstehen.
Stoische Verantwortung bedeutet nicht, alle gleich zu behandeln
Auch das Kreismodell wird leicht missverstanden.
Wenn alle Menschen letztlich Teil derselben vernünftigen Gemeinschaft sind, könnte man daraus schließen, dass jeder Mensch gegenüber jedem anderen exakt dieselben Pflichten besitzt.
Hierokles‘ Modell spricht dagegen.
Der Mensch besitzt Verantwortung gegenüber allen Menschen.
Aber Beziehungen können unterschiedlich eng sein.
Die Verpflichtung gegenüber dem eigenen Kind ist nicht identisch mit der Verpflichtung gegenüber einem unbekannten Menschen auf einem anderen Kontinent.
Neuere Oxford-Forschung betont genau diese Abstufung: Hierokles verbindet eine allgemeine Pflicht gegenseitiger Unterstützung mit stärkeren Verpflichtungen gegenüber sozial näherstehenden Personen.
Stoischer Universalismus löscht besondere Beziehungen also nicht aus.
Er ordnet sie in einen größeren moralischen Zusammenhang ein.
Von Oikeiosis zum Kosmopolitismus
Hier führt die Theorie direkt zum stoischen Kosmopolitismus.
Wenn Vernunft allen Menschen gemeinsam ist, dann besteht zwischen ihnen eine grundlegende Verwandtschaft.
Die moralische Gemeinschaft endet deshalb nicht an:
Familie,
Stadt,
Stamm,
Klasse,
oder Staatsgrenze.
Der Mensch gehört letztlich zu einer umfassenderen Gemeinschaft vernunftbegabter Wesen.
Stanford verbindet Oikeiosis ausdrücklich mit der stoischen Begründung kosmopolitischer Gerechtigkeit. Die Erweiterung dessen, was als zu uns gehörig erkannt wird, liefert einen natürlichen Ausgangspunkt dafür, andere Menschen nicht grundsätzlich als moralisch Fremde zu behandeln.
Kosmopolitismus fällt damit nicht plötzlich vom Himmel.
Er wächst aus derselben Theorie, die mit Selbsterhaltung beginnt.
Oikeiosis erklärt auch das Kathēkon
Die Verbindung zu den angemessenen Handlungen, den kathēkonta, ist ebenfalls eng.
Wenn bestimmte Beziehungen zu unserer Natur gehören, entstehen daraus konkrete Aufgaben.
Ein Vater handelt angemessen, wenn er für sein Kind sorgt.
Ein Bürger übernimmt bestimmte Verantwortung gegenüber seiner Gemeinschaft.
Ein Mensch soll anderen Menschen grundsätzlich nicht so begegnen, als hätten sie keinerlei moralische Bedeutung.
Das Oxford Handbook of Hellenistic Philosophy beschreibt soziale angemessene Handlungen ausdrücklich als in der natürlichen Oikeiosis begründet.
Damit wird verständlich, warum stoische Ethik keine Sammlung zufälliger Regeln benötigt.
Pflichten entstehen aus der Natur des Menschen und seinen Beziehungen.
Selbstsorge und Fürsorge sind deshalb keine Gegensätze
Moderne moralische Diskussionen stellen häufig zwei Pole gegenüber:
Entweder kümmerst du dich um dich selbst.
Oder du kümmerst dich um andere.
Die stoische Theorie ist subtiler.
Ein Mensch, der seine eigene vernünftige Natur entwickelt, wird gerade dadurch fähiger zu gerechtem sozialen Handeln.
Umgekehrt wäre eine angebliche Fürsorge für andere, die völlig vernunftlos, ungerecht oder selbstzerstörerisch ist, aus stoischer Sicht ebenfalls problematisch.
Oikeiosis verlangt weder radikalen Egoismus noch grenzenlose Selbstaufgabe.
Sie verlangt die richtige Ordnung unserer Beziehungen.
Die eigentliche Entwicklung liegt im Begriff des „Eigenen“
Das ist vielleicht der tiefste Gedanke der Theorie.
Ein unreifer Mensch versteht „mein“ sehr eng.
Mein Körper.
Mein Besitz.
Mein Vorteil.
Meine Anerkennung.
Mit wachsender Vernunft kann sich dieser Begriff verändern.
Meine Familie.
Meine Verantwortung.
Meine Gemeinschaft.
Meine Mitmenschen.
Schließlich wird verständlich, dass ein vollständig isoliertes Selbst ohnehin eine Illusion wäre.
Der Mensch lebt innerhalb von Beziehungen.
Die philosophische Reife besteht deshalb nicht darin, das eigene Selbst auszulöschen.
Sie besteht darin, seinen moralischen Horizont zu erweitern.
Oikeiosis beginnt mit einer einfachen Beobachtung.
Ein Lebewesen steht seinem eigenen Fortbestehen nicht gleichgültig gegenüber.
Beim Menschen kommt jedoch Vernunft hinzu.
Dadurch kann sich erweitern, was er als zu sich gehörig erkennt.
Aus Selbstsorge entstehen familiäre Bindungen, soziale Pflichten und schließlich Verantwortung gegenüber anderen Menschen.
Die Stoa verlangt deshalb weder Egoismus noch Selbstaufgabe.
Der reife Mensch schützt nicht nur das Eigene. Er lernt immer besser zu verstehen, wie weit das Eigene tatsächlich reicht.
Quellen
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Stoicism
- Cambridge University Press: The Role of Oikeiōsis in Stoic Ethics
- Cambridge University Press: Stoic Ethics
- Oxford Academic: ‘Appropriation’ – Ethical Development as Natural
- Oxford Studies in Ancient Philosophy: The Stoic Argument from Oikeiōsis
- Oxford Classical Dictionary: Hierocles
- Oxford Studies in Ancient Philosophy: Hierocles’ Concentric Circles
- Oxford Handbook of Hellenistic Philosophy: The Stoics on Appropriate Action
- Perseus Digital Library, Tufts University: Diogenes Laertius – Lives of Eminent Philosophers, Book VII
- Perseus Digital Library, Tufts University: Cicero – De Finibus Bonorum et Malorum

